Erich Unglaub:
Kaiser Otto IV. bei Giovanni Boccaccio
Der italienische Erzähler Giovanni Boccaccio (‚Il Decamerone’) hat den Welfenkaiser in eine
seiner Geschichten um die Liebe verpackt und daraus eine knappe Geschichte gemacht, die
sich zwischen dem Kaiser, einer außerordentlich schönen wie selbstbewussten Dame und
einem edlen Grafen vor der noblen Kulisse von Florenz abspielt. Wie sich der Kaiser aus der
Affäre zieht, schildert Boccaccio ebenso raffiniert wie amüsant in lateinischer und
italienischer Sprache.
Giovanni Boccaccio:
Gualdrada, ein Florentiner Mädchen
Gualdrada führte ihren Ursprung auf die Ravignani zurück, eine Familie, die früher zu
den berühmtesten unserer Stadt zählte. Ich habe mich mit gutem Grund entschlossen, sie hier
unter die berühmtesten Frauen zu zählen, vor allem, weil sie mit bemerkenswertem Wagemut
ihre Aufrichtigkeit in Gegenwart des römischen Kaisers verteidigt hat.
Eines Tages feierte sie nämlich mit vielen anderen Florentiner Frauen einen Festtag im
Tempel, der einst dem Mars, später dem wahren Gott unter dem Namen des Johannes des
Täufers gewidmet war. Zufällig war der Römische Kaiser Otto IV. nach Florenz gekommen,
das er damals sehr schätzte. Er betrat den Tempel mit einem großen und fürstlichen Gefolge,
um das Ereignis durch seine Anwesenheit noch freudiger und glänzender zu machen. Als er
von seinem erhöhten Sitz den Schmuck des Tempels, die versammelte Bürgerschaft und die
Frauen sah, die hier saßen, sah, geschah es, dass seine Augen zufällig bei Gualdrada haften
blieben.
Der Kaiser pries bewundernd einige Zeit die Schönheit, die Einfachheit ihres Kleids,
die Würde und den Ernst des jungen Mädchens. Dann fragte er einen Umstehenden mit dem
Namen Bellincione, einen Florentiner, der für sein Alter und seinen Adel und damals auch als
Militär ausgezeichnet war: „Wer ist bitte dieses Mädchen, das uns gegenüber sitzt und meiner
Meinung nach alle anderen an Würde und Schönheit des Gesichts übertrifft?“ Bellincione
lächelte und antwortete mit weltstädtischem Witz: „Eure Majestät, wer sie auch sein mag, sie
wird Sie, wenn Sie es wünschen, auf meine Bitte hin küssen.“
Als Gualdrada diese Worte hörte, war sie auf der Stelle empört und entrüstet, dass ihr
Vater eine so frivole Haltung gegenüber ihrer Standhaftigkeit und dem Schutz ihrer
mädchenhaften Scham gezeigt hatte. Lange konnte sie diese Beleidigung nicht aushalten. In
der Tat, noch hatte der Kaiser nicht geantwortet, stand sie errötend auf, schaute kurz auf ihren
Vater und, indem sie ihre Augen auf den Boden richtete, sagte sie mit fester, aber
respektvoller Stimme: „Hören Sie damit auf, Vater, sagen Sie nichts mehr. Denn, wenn es
nicht mit Gewalt geschieht, wird niemand außer der Mann, dem Sie mich in gesetzlicher und
heiliger Ehe geben werden, das empfangen, was Sie hier so freimütig anbieten.“
O guter Gott! Nichts, was mit gutem und elegantem Geist gesagt ist, ist vor dem Geist
eines großen Mannes verloren. Einige Zeit stand dieser Cäsar da und wunderte sich. Zuletzt
widerstrebte der germanische Barbar nicht länger, er erkannte aus den mit voller Überzeugung
gesprochenen Worten des Mädchens einen heiligen und reinen Entschluss. Und als er mit viel
Scharfsinn und vielen Worten die Empörung des Mädchens gelobt hatte, befahl er Guido,
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einen edlen jungen Mann, kommen zu lassen. Bevor der Kaiser weiter zog, schenkte er
Gualdrada, die in heiratsfähigem Alter war, eine anständige Mitgift und verheiratete sie mit
Guido, damit das Mädchen nicht mehr länger ohne jemanden wäre, den sie in Ehren küssen
konnte, wenn sie es wollte. Gualdradas Vater gab seinen Segen dazu. Der Kaiser dachte, dass
die gute und reine Einstellung, die sich hier gezeigt hatte, nicht nur in den geheimen Winkeln
des Mädchenherzens wohnte, sondern dem tiefen Drang nach Tugend entsprungen war, der
unter dem Druck der gerechten Empörung empor gekommen war; deshalb wäre Gualdrada
des kaiserlichen Geschenks würdig.
So geschah es, dass das Mädchen, das den Tempel betreten hatte, wegen ihres
Entschlusses, rein zu bleiben, mit großer Freude ihres Vaters und ihrer Familie, belohnt in ihr
Vaterhaus zurückkehrte. Im Laufe der Zeit hatte sie viele Kinder und hinterließ nach ihrem
Tod ihrem Ehemann ein berühmtes Haus, verehrt von ihren noblen Nachkommen, von denen
heute noch viele leben.
Ich wollte dies erzählen als Vorwurf gegen die modernen Mädchen, von denen viele
so leichtsinnig und deren Sitten so zügellos sind, dass ein Augenzwinkern oder eine Geste sie
in die Umarmung irgendeines Mannes, der nach ihnen schaut, eilen lassen.
(‚De claris mulieribus’, lat. 1361/62)
Kaiser Otto IV. begegnet Gualdrada
Jan van der Straet (Giovanni Stradano), Florenz, Palazzo Vecchio, Sala di Gualdrada,
Deckengemälde (1561/62)
Giovanni Boccaccio: Esposizioni sopra la Comedia di Dante
Questa Gualdrada [...] fu figliuola di messer Bellincion Berti de’ Ravignani, nostri antichi e
nobili cittadini; ed essende per avventura in Firenze Otto quarto imperadore, e quivi, per
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farla più lieta della sua presenza, andato alla festa nella chiesa di san Giovanni, avvenne
che, insieme con l’altre donne cittadine, si come nostra usanza è, la donna di messer Berto
venne alla chiesa e menò seco questa sua figliuola chiamante Gualdrada, la quale era ancor
pulcella. E, postesi da una parte con l’altre a sedere, per ciò che la faniciulla era di forma e
di statura bellisssima, quasi tutti i circunstanti si rivolsero a riguardarla, e tra gli altri lo
‘mperadore; il quale, avendola commendato molto e di bellezza e di costumi, domandò
messer Berto, il quale era davanti da lui, chi ella fosse. Al quale messer Berto, sorridendo,
ripose: – Ella è figliuola di tale uomo, che mi darebbe il cuore di farlavi basciare, se vi
piacesse. –
Queste parole intese la fanciulla, sì era vicina a colui che la dicea, e, alquanto commossa
della oppinione che il padre aveva mostrata d’aver di lei, che ella, quantunque egli volesse,
si dovesse lasciar basciare ad alcuno men che onestamente, levatasi in piede e riguardato
alquanto il padre e un poco per vergogna mutata nel viso, disse: – Padre mio, non siate così
cortese promettitore della mia onestà, ché per certo, se forza non mi fia fatta, e’ non mi
bascerà mai alcuno, se non colui il quale mi darete per marito. –
Lo ‘mperadore, che ottimamente la ‘ntese, commendò maravigliosamente le parole e la
fanicuilla, affermando seco medesimo queste parole non poter d’altra parte procedere che da
onestissimo e pudico cuore; e perciò subitamente venne in pensiero di martarla. E fattosi
venir davanti un nobil giovane chiamato Guido Beisangue, che poi fu chiamato conte Guido
vecchio, il quale ancora non avea moglie, e lui confortò e volle che la sposasse; e donògli in
dote un grandissimo territorio in Casentino e nell’Alpi e di quello lo intitolò conte. E questi
poi di lei ebbe più figliuoli, tra’ quali ebbe il padre di colui di cui si ragiona, il quale volle
che nominato fosse Guido, per ciò che il primo suo figliuolo fu. E, per ciò che questa
Gualdrada fu valorosa e onorabile donna, la cognomina qui l’autor “buona”; e perciò da lei
dinomina il nepote, perché per avventura estimò lei essere stata donna da molto più che il
marito non fu uomo.
(1375)
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