CARRARA cavatori e Michelangelo Buonarroti una cantata – il libretto CARRARA die Steinbrecher und Michelangelo Buonarroti eine Kantate – der Singtext in der Übersetzung 1 1 I n dòrmn Er schläft nicht Detto dei cavatori: Non dorme. I marmi non dormono, sembrano star fermi, tranquilli, invece...colpiscono a tradimento, agiscono tempestivamente. Ausdruck der Steinbrecher: Der Marmor schläft nicht, er scheint fest zu stehen, ruhig, doch aufgepasst...er kann auf einmal zuschlagen, oder im besten Fall auch rechtzeitig mithandeln. 2 2 Quanto si gode, lieta e ben contesta di fior sopra crin d’or d’una, grillanda, che l’altro inanzi l’uno all’altro manda, come ch’il primo sia a baciar la testa! Wie heiter sich die Blümlein freuen müssen, Womit ein Kranz sich in ihr Goldhaar drückt, Der eins ums andere nach vorne schickt, Das es das erste sei, die Stirn zu küssen. Contenta è tutto il giorno quella vesta che serra ′l petto e poi par che si spanda, e quel c’oro filato si domanda le guanci’ e ′l collo di toccar non resta. Das Kleid ist von der Schönen hingerissen, Es schnürt die Brust, dann weitet’s sich beglückt, Und was sich „Goldgespinst“ zu nennen schickt, Ist Kinn und Hals zu streicheln stets beflissen. Ma più lieto quel nastro par che goda, dorato in punta, con sì fatte tempre che preme e tocca il petto ch’egli allaccia. Doch heiter scheint dieses Band zu sein, Das goldbestickte Schleifenenden schmücken; Den Busen schnürend presst es sanft den warmen. E la schietta cintura che s’annoda mi par dir seco: qui vo’ stringer sempre. Or che farebbon dunche le mie braccia? Der schlichte Gurt als letzter im Verein Spricht zu sich selbst: „Hier will ich immer drücken.“ Was, also, tät ich erst mit meinen Armen! 3/4 3/4 I n dòrmn Er schläft nicht Detto dei cavatori: I marmi non dormono, sembrano star fermi, tranquilli, invece...colpiscono a tradimento, agiscono tempestivamente Ausdruck der Steinbrecher: Der Marmor schläft nicht, er scheint fest zu stehen, ruhig, doch aufgepasst...er kann auf einmal zuschlagen, oder im besten Fall auch rechtzeitig mithandeln. 5 5 I’ piango, i’ardo, i’ mi consumo, e ′l core di questo si nutrisce. O dolce sorte! chi è che viva sol della suo morte, come fo io d’affanni e di dolore? Ich weine, brenne und verzehre mich – Davon nährt sich mein Herz. O süsses Los! Wes Leben wird von seinem Tode gross, Wer lebt allein von Qual und Schmerz – wie ich? Ahi! Crudele arcier, tu sai ben l’ore da far tranquille l’angosciose e corte miserie nostre con la tuo man forte; ché chi vive di morte mai non muore. Ach! Grauser Schütze, du weißt sicherlich Die Zeit: wann stillst du meine Ängste bloss, Wann bindet deine Hand das Elend los? Denn niemand stirbt, nährt er vom Tode sich. 6 6 Kava, bazìl e lèt Steinbruch, Wasserbecken und Bett Detto dei cavatori: Vita dura, senza soddisfazioni. Cava, bacile (acqua) e letto, nemeno andare a bere un bicchiere di vino, dissetarsi attingendo colla mestola l’acqua dal bacile. Ausdruck der Steinbrecher: Ein hartes Leben ohne Befriedigung. Nicht einmal ein Glas Wein trinken, sich den Durst am Wasserbecken stillen. 7/8 7/8 Chi non vuol delle foglie Non ci venga di maggio. Wer keine Blätter will, Der komm nicht her im Mai. Che mal si può amar ben chi non si vede. Was man nicht sieht, das kann man schlecht nur lieben. ′L marm i è pan Der Marmor ist Brot Detto dei cavatori: Il lavoro è pane. A Carrara l’unico lavoro era quello del marmo. Ausdruck der Steinbrecher: Arbeit bedeutet Brot und in Carrara war die einzige Arbeit jene des Marmors. ′Ndiàn a bérs una kavaleria Gehen wir eine „Kavaleria“ trinken Detto dei cavatori: Andiamo a bere, stiamo allgri. La „kavaleria“ e un bicchiere da un quarto litro; originariamente quel tanto di vino che si poteva aquistare con un „cavallotto“, moneta che aveva nel verso l’immagine di San Martino a cavallo. Ausdruck der Steinbrecher: Gehen wir eins trinken, seien wir fröhlich. Die „Kavaleria“ ist ein Becher von einem viertel Liter. Soviel Wein konnte man mit einem „Cavallotto“ kaufen, einer Münze, die auf der Rückseite das Bild des heiligen Sankt Martin zu Pferd trug. ′Ndiàn a la Fóza...′Ndiàn ′n Pianamàz Gehen wir nach Fóza...Gehen wir nach Pianamàz Detto dei cavatori: Andiamo a far baldoria e a divertirci. Località tra Carrara e Massa, ove si svolgevano feste popolari anche con connotati politici. Ausdruck der Steinbrecher: Gehen wir festen und uns vergnügen. Foza und Pianamàz sind Örtlichkeiten zwischen Carrara und Massa, wo Volksfeste mit Teils auch mit politischer Bedeutung stattfanden. I è armàs aprés Es hat ihn erwischt Detto dei cavatori: Restare impigliato. Si è trovato accalappiato, commento di una disgrazia sul lavoro, di un grave incidente. Ausdruck der Steinbrecher: Erwischt, verstickt, hereingelegt werden, Kommentar bei einem Unheil während der Arbeit, bei einem schweren Unfall. 9.1 9.1 übersetzt von Thomas Flasch * Dagli alti monti e d’una gran ruina Ascoso e circunscritto d’un gran sasso, discesi a discoprirmi in questo basso, contr’a mie voglia, in tal lapedicina. Vom Gebirge, von ewiger Ruine stieg ich nieder, verborgen und versteinert – mich zu zeigen in der Tiefe, wollt ich’s auch nicht, in Gestein Quand’el sol nacqui, e da chi il ciel destina Mit der Sonne geboren, und wem vom Himmel gegeben 9.2 9.2 übersetzt von Thomas Flasch * Veggio co’ be’ vostr’occhi un dolce lume che co’ mie ciechi già veder non posso; porto co’vostri piedi un pondo addosso, che de’ mie zoppi non è gia costume. Ich seh mit deinen Augen sanftes Licht, das meine blinden nimmer schauen können; ich trag auf deinen Füssen eine Last, die meine lahmen nie zu schleppen wüssten. Volo con le vostr’ale senza piume; col vostro ingegno al ciel sempre son mosso; dal vostro arbitrio son pallido e rosso, freddo al sol, caldo alle più fredde brume. Ich flieg mit deinen Schwingen, ohne Federn, mit deinem Geist stets himmelwärts; wie dir’s beliebt, erbleich ich und erröte, frier in der Sonne, schwitz im frostigen Nebel. Nel voler vostro è sol la voglia mia, i miei pensier nel vostro cor si fanno, nel vostro fiato son le mie parole. In deinem Wollen wohnen meine Wünsche, Gedanken wachsen mir in deiner Brust, in deinem Hauch wehn meine Worte Come luna da sé sol par ch’io sia, ché gli occhi nostri in ciel veder non sanno se non quel tanto che n’accende il sole. So scheine ich dem Monde gleich, den wir am Himmel nur soweit erschauen, als ihn der Sonne Feuerstrahl entzündet. 10/11 10/11 I n dòrmn Er schläft nicht Detto dei cavatori: Non dorme. I marmi non dormono, sembrano star fermi, tranquilli, invece...colpiscono a tradimento, agiscono tempestivamente. Ausdruck der Steinbrecher: Der Marmor schläft nicht, er scheint fest zu stehen, ruhig, doch aufgepasst...er kann auf einmal zuschlagen, oder im besten Fall auch rechtzeitig mithandeln. I è un ravanét Es/er ist eine Abräumhalde Detto dei cavatori:è imprevedibile, non vale a niente. Il ravaneto, la deiezione, è inaffidabile, perché non assestato, e il suo materiale è senza valore. Ausdruck der Steinbrecher: Er ist unberechenbar, nicht zu gebrauchen. Der „Ravaneto“ die Schutt- und Abräumhalde ist unberechenbar, da ungeebnet und von schlechtem Material. 12.1 12.1 Non ha l’ottimo artista alcun concetto c’un marmo solo in sé non circonscriva col suo superchio, solo a quello arriva la man che ubbidisce all’intelletto. Es kann der beste Künstler nichts erdenken, Was nicht der Marmor schon in sich enthielt, Und der allein erreicht, worauf er zielt Dem Geist und Sinne seine Hände lenken. Il mal ch’io fuggo, e ′l ben ch’io mi prometto, in te, donna leggiadra, altera e diva, tal si nasconde; e perch’io più non viva, contraria ho l’arte al disiato effetto. Erhoffte Freuden, Übel, die mich kränken, Sind, hohe Herrin, so in dir verhüllt; Und weil mich nun kein Leben mehr erfüllt, Kann mir die Kunst, was ich ersehn’, nicht schenken. Amor dunque non ha, né tua beltata o durezza o fortuna o gran disdegno del mio mal colpa, o mio destino o sorte; Amor hat nicht noch deine Schönheit schuld, Noch Härte, Missgeschick an meinem Leid, Verachtung nicht noch meines Schicksals Geissel, se dentro del tuo cor morte e pietate porti in un tempo, e che ′l mio basso ingegno non sappia, ardendo, trarne altro che morte. Wenn du in deinem Herzen Tod und Huld Zugleich verbirgst und ich, nicht recht gescheit, In Flammen mir daraus den Tod nur meissel. 12.2 12.2 Non ha l’ottimo artista alcun concetto! Es hat der beste Künstler kein Konzept! frammento 12.1, citazione libera Simon Ho Fragment 12.1, frei zitiert Simon Ho, übersetzt Thomas Hostettler Giunto è già ′l corso della vita mia, con tempestoso mar, per fragil barca, al comun porto, ov’a render si varca conto e ragion d’ogni opra trista e pia. Beendet ist nun meines Lebens Bahn Nach Meeresstürmen und auf schwankem Boot In jenem Port, wo wir, nach unserem Tod, Für alles einstehn, was wir je getan, Onde l’affetüosa fantasia che l’arte mi fece idol e monarca conosco or ben com’era d’error carca e quel c’a mal suo grado ogn’uom desia. Und ich erkenne, wie mit Schmeichelwahn Die Kunst Götze war, der mir gebot Wie dieser Wahn so wild in mir geloht Und wie zerbrechlich Menschenwunsch und –plan. Gli amorosi pensier, già vani e lieti, che fien or, s’a duo morte m’avvicino? D’una so l’certo, e l’altra mi minaccia. Die Liebesträume, heiter, hohl und leer, Da zweifach Tod mir naht, was sind sie nun? Denn ein Tod ist ganz sicher mir bereitet. Né pinger né scolpir fie più che quieti l’anima, volta e quell’amor divino c’aperse, a prender noi, ′n croce la braccia. Nicht Malen und nicht Meisseln hilft hier mehr, Die Seele will in Gottes Liebe ruhn, Die weit am Kreuz für uns die Arme breitet. 13/14 13/14 ′Ndiàn al sod! Wir kommen zum Kern der Sache Detto dei cavatori: Arriviamo al nocciolo, alla conclusione. Il „sod“ è la roccia viva coperta da un „kapdàz“, grosso capello, che va tolto per poter coltivare la cava. Ausdruck der Steinbrecher: „sod“ wird der gesunde Fels genannt, zu dem erst vorgedrungen werden muss, ehe man guten Marmor abbauen kann. Zuerst muss man den „kapdàz“, die „Kappe“, wegnehmen. I n dòrmn Er schläft nicht Detto dei cavatori: I marmi non dormono, sembrano star fermi, tranquilli, invece...colpiscono a tradimento, agiscono tempestivamente Ausdruck der Steinbrecher: Der Marmor schläft nicht, er scheint fest zu stehen, ruhig, doch aufgepasst...er kann auf einmal zuschlagen, oder im besten Fall auch rechtzeitig mithandeln. Anmerkungen Wo nichts anderes vermerkt ist, stammen die Italienischen Texte von Michelangelo Buonarroti, aus: Michelangelo Gedichte Italienisch und Deutsch Herausgegeben und übersetzt von Michael Engelhard insel taschenbuch 2299, 1. Auflage 1999 Die Ausdrücke der Steinbrecher stammen aus: parole di marmo Rosa Maria Galleni Pellegrini Società Editrice Apuana, finito di stampare 1997 * Uebersetzung aus: Gedichte Michelangelos Übersetzt von Thomas Flasch mit einem Nachwort von Gustav Seibt Berlin Verlag 2000 Zusammenstellung der Texte zum Libretto CARRARA – cavatori und Michelangelo Buonarroti – una cantata von Thomas Hostettler, überreicht an Simon Ho am 23.8.2006