Combattimento Monteverdi – Rossi – Landi – Marini – D’India STERZINGER OSTERSPIELE 2014 programm_combatti_06.indd 1 02/04/2014 22:58 S T E R Z I N G E R O S T E R S P I E L E 2 0 1 4 - C O M B AT T I M E N T O S T E R Z I N G E R O S T E R S P I E L E 2 0 1 4 - C O M B AT T I M E N T O Monteverdi – Rossi – Landi – Marini – D’India Combattimento Eine barocke Phantasmagorie in italienischer Sprache mit deutschen Texten 15. April 2014 | Stadttheater Sterzing | 20:30 Uhr Einführung mit Johannes Pramsohler | 19:15 Uhr Tasso/Testo | Vladimir Kapshuk Armida/Clorinda/Erminia | Mercedes Arcuri Rinaldo/Tancredi | Matthieu Chapuis Sprecher | Christian Hettkamp Musikalische Leitung | Johannes Pramsohler Inszenierung | Florent Siaud Dramaturgie | Pierre-Damien Traverso Bühnenbild | Philippe Miesch Licht | Nicolas Descôteaux Kostüme | Jean-Daniel Vuillermoz Video | David Ricard ENSEMBLE DIDEROT Violine | Johannes Pramsohler, David Chivers Viola | Céline Lamarre Violoncello | Gulrim Choi Violone | Riccardo Coelati Rama Cembalo | Frédéric Rivoal Theorbe | Alexander McCartney Einführung « Es war um die Stunde, wo die Sonne bereits den Horizont zu erhellen beginnt (und ich lag in meinem weichen Bett während der Schlaf meine Gedanken so luftig und leicht aneinanderreihte, dass ich mich in einem Zustand zwischen Wachen und Träumen befand), als sich ein liebenswerter Geist bemerkbar machte. » So beginnt Torquato Tassos Il Messaggiero, ein geheimnisvoller Dialog, den er im Sommer 1580 verfasste, während er im Irrenhaus St. Anna in Gefangenschaft gehalten wurde. In Schlaf versunken, erscheint ihm ein Geist, mit dem er spricht. Diese myteriöse Stimmung nimmt er zum Anlass, mit sich selbst Konversation zu führen und wandelt im dunklen Labyrinth seiner eigenen Gedanken wo ihn der Weg über Petrarcas Stanzen und Virgils Verse von der Liebe bis zur Magie führt. Umrahmt von einerseits melancholischen, andererseits aufregend wirbelnden Instrumentalwerken steht diese Auswahl bekannter Madrigale und Arien als Beispiel für ein Italien, das sich im 17 Jhdt. von der Polyphonie freigemacht hat, um sich dem Ausdruck der Kraft menschlicher Regungen zu widmen. Der Höhepunkt wird mit dem theatralischsten aller Madrigale Monteverdis erreicht: das Combattimento im « stile concitato », das er für den Karneval von Venedig als unsterbliches Drama geschaffen hat. Combattimento ist das sensible Echo dieses immaginären Spaziergangs. In einem von Kerzenschein erhellten Kerker wird Tasso von Figuren besucht, denen er selber in seinen Werken (Aminta, Rime, Gerusalemme liberata) Leben eingehaucht hat. Als Zeuge der Missgeschicke des Ritters Rinaldo und der Zauberin Armida (Stefano Landi, Libro d’arie, 1637) hört er, wie die schöne Erminia ihre Tränen vergießt (Biagio Marini, Le lagrime d’Erminia, 1623) und beschreibt als halluzinierender Erzähler das Duell, das sich Clorinda und Tancredi (Claudio Monteverdi, Il combattimento di Tancredi e Clorinda, 1624) liefern. In der Nüchternheit eines chiaro-scuro Ambientes, in dem nur ein Bett umgeben von losen Manuskriptblättern steht, verkörpern drei Sänger diese geheimnisvollen Silhouetten, die, wie Luftspiegelungen, in einem bizarren Ballett von Schatten und Körpern erscheinen und wieder verschwinden. Von sieben Musikern begleitet, lassen sie die Figuren wieder aufleben, die der Feder eines der größten Autoren des 16. Jahrhunderts entsprungen sind. Perücken und Maske | Catherine Saint-Sever Beleuchtungstechniker | Ludovic Heime Edition | Brian Clark | primalamusica.com Coproduktion | Ensemble Diderot, Les Songes Turbulents, Théâtre Roger Barat Herblay, Festival Baroque de Pontoise, Atelier des Musiciens du Louvre Uraufführung | 15. Oktober 2013, Théâtre Roger Barat Coverfoto: © Agathe Poupeney / PhotoScene.fr | Gestaltung: Christian Möhring programm_combatti_06.indd 2-3 02/04/2014 22:58 S T E R Z I N G E R O S T E R S P I E L E 2 0 1 4 - C O M B AT T I M E N T O S T E R Z I N G E R O S T E R S P I E L E 2 0 1 4 - C O M B AT T I M E N T O Johannes Pramsohler | Musikalische Leitung In Südtirol geboren, wuchs Johannes Pramsohler am Schneidepunkt zweier sehr verschiedener Kulturen auf. Durch seine musikalische Familie kam er schon früh mit dem traditionellen Volksmusik seiner Heimat in Kontakt. Dieser authentische Klang prägt sein Spiel bis heute. Mit seinem unverfälscht frischen Ton hat er sich seit seiner Ausbildung in Bozen, London und Paris innerhalb kürzester Zeit als Solist, gefragter Kammermusikpartner und Konzertmeister einen Namen gemacht. Bereits während des Studiums wurde Johannes Pramsohler von Orchestern wie Concerto Köln, Orchestra of the Age of Enlightenment, Les Arts Florissants und Academy of Ancient Music eingeladen und konnte sich somit früh einen außergewöhnlichen Überblick über Europas Alte-Musik-Szene verschaffen. Die Beherrschung von fünf Sprachen, Meisterkurse bei nahezu allen wichtigen Barockgeigern und die Offenheit gegenüber den verschiedensten historisierenden Ansichten bezüglich Spieltechnik und Interpretation erlaubten ihm, sich einen reichen Erfahrungsschatz anzueignen. Heute arbeitet Johannes Pramsohler vordergründig mit seinem von ihm gegründeten Ensemble Diderot und den International Baroque Players. Ebenso tritt er regelmäßig als Konzertmeister mit The King’s Consort, Le Concert d’Astrée, Concerto Köln, Arte dei Suonatori und dem European Union Baroque Orchestra auf. Konzerttourneen führten ihn in alle wichtigen Säle Europas, nach Nord- und Südamerika, in den Nahen Osten, nach Japan und nach Taiwan. Seit 2008 hat Johannes Pramsohler die Ehre, Reinhard Goebels Geige sein Eigen zu nennen, eine ‘Pietro Giacomo Rogeri’ von 1713. 2011 erhielt er den Bärenreiter Urtext Preis beim 6. Internationalen Telemann Wettbewerb in Magdeburg. 2012 erschien seine erste Solo-CD ‘Pisendel – Violinkonzerte aus Dresden’, die von der internationalen Presse euphorisch aufgenommen wurde. 2013 hat Johannes Pramsohler sein zweites Album veröffentlicht – diesmal mit seinem eigenen Label Audax Records. 2014 debütiert er beim Budapest Festival Orchestra unter Iván Fischer. Florent Siaud | Inszenierung Nach literarischen Studien lehrt Florent Siaud Theater-, Opern- und Inszenierungsgeschichte an der Universität von Montreal und an der “Ecole Normale Supérieure“ in Lyon. Durch seine Regie-Hospitanz in der Inszenierung von Händels Teseo (Gilbert Blin, Oper von Nizza, 2007), Hippolyte et Aricie von Rameau (Ivan Alexandre, Kapitol Toulouse, 2009) und als Begleiter der dramaturgischen Arbeit Benjamin Lazars für Les amours tragiques de Pyrame et Thisbé - ein Stück des Barockdichters Théophile de Viau (Theater von Caen / Theater l’Athénée, Paris, 2009 - 2010) - zeigt er sein besonderes Interesse für das Barocktheater. Von 2007 bis 2009 betreut Florent Siaud in Montreal als Dramaturg und Regieassistent programm_combatti_06.indd 4-5 drei Theaterproduktionen von Denis Marleau, der in Kanada für seine ästhetische Strenge, seine Arbeit an der Sprache und seine innovative Herangehensweise mit audiovisuellen Medien bekannt ist. Mit ihm arbeitet Florent Siaud an zahlreichen Stücken von Shakespeare wie Othello im staatlichen Kulturzentrum von Ottawa und in der „Usine C“ in Montreal (2007). Weiters arbeitet er an zeitgenössischen Werken wie Chaurettes Ce qui meurt en dernier in Ottawa und im „Espace GO“ in Montreal, aber auch an Thomas Bernhards „Ein Fest für Boris“ für das Avignon Theaterfestival (2009). An der Oper von Nizza ist er Regieassistent für die Inszenierungen von Mozarts Le nozze di Figaro und Rossinis Il viaggio a Reims (2009), an der Pariser Oper für Hippolyte et Aricie von Rameau. 2010 inszeniert Florent Siaud Purcells Dido & Aeneas und La Capricciosa corretta von Martín y Soler für das Pariser Conservatoire Supérieure. Im selben Jahr gründet er die Theaterkompanie „Les Songes turbulents“, mit der er französische Barockkantaten für Les Musiciens du Louvre auf die Bühne bringt und 2012 Heiner Müllers Quartett inszeniert. 2013 inszeniert er eine Trilogie über Sir John Falstaff für die Pariser Oper, für die er auch das Libretto verfasst hat und 2014 inszeniert er u.a. das Stück Illusions von Ivan Vyrypaev. Vladimir Kapshuk | Bariton Vladimir Kapshuk, geboren in der Ukraine, studierte Gesang an der Staatlichen Musikakademie in Kiev und erhielt dort 2006 sein Diplom. Noch im selben Jahr wurde er im Atelier Lyrique der Opéra National de Paris aufgenommen, wo er an zahllosen Produktionen, Konzerten und Meisterklassen teilnahm, wodurch er sein Repertoire erweiterte und seine gesangliche Weiterbildung besonders im Bereich der französischen Musik vervollständigte. Im Rahmen der Salzburger Festspiele nahm er am „Young Singers Project“ teil, wo er mit Christa Ludwig und Olaf Bär Schubert- und Brahms-Lieder sowie die Rolle des Don Giovanni mit Thomas Allen einstudierte. Sein vielfältiges Repertiore umfasst die Rollen von Eugen Onegin, des Prinzen Eletsky in Pique Dame, des Valentins in Faust, der Uhr und der Katze in L’enfant et les Sortilèges, die Rollen des Testo in Il Combattimento di Tancreri e Clorinda, Enée in Didon et Enée, Tarquinius in The rape of Lucretia, Guglielmo in Cosi fan tutte und die Titelrolle des Don Giovanni. Vladimir Kapshuk gewann den Internationalen Gesangswettbewerb „L’Art du XXIe siècle“ und wurde vom „Cercle Carpeaux” sowie vom Förderverein der Opéra National de Paris mit dem „Prix Lyrique” ausgezeichnet. Zahlreiche Konzerte führten ihn bisher nach Frankreich (Palais Garnier, Théâtre de l’Athénée, Opéra de Toulon), Italien (Scala di Milano, Fenice di Venezia, Villa Médici a Roma) und nach Österreich (Salzburger Festspiele), wo er Schubert’s Winterreise und Lieder von Tchaikovsky, Rachmaninov, Ravel und Poulenc interpretierte. An der Opéra Bastille in Paris stand er u.a. in Idomeneo, Don Carlos, Billy Budd, Hoffmanns Erzählungen, Ariadne auf Naxos, Madama Butterfly, Il Barbiere di Siviglia auf der Bühne. 02/04/2014 22:58 S T E R Z I N G E R O S T E R S P I E L E 2 0 1 4 - C O M B AT T I M E N T O S T E R Z I N G E R O S T E R S P I E L E 2 0 1 4 - C O M B AT T I M E N T O Mercedes Arcuri | Sopran In Buenos Aires geboren, studierte Mercedes Arcuri Gesang am „Instituto superior de Arte“ des Teatro Colón und privat mit Inés Dupén und Horacio Amauri. Parallel dazu studierte sie Orchesterdirigieren an der Universidad Católica Argentina. Seit 2003 lebt Mercedes Arcuri in Madrid, wo auch ihre Karriere ihren Anfang nahm. Ihre letzten Engagements führten sie zum London Handel Festival, wo sie mit den International Baroque Players unter der Leitung von Johannes Pramsohler Händels Kantate „Il delirio amoroso“ aufführte, an die Oper in Lyon, wo sie ihr Debüt mit Ravels „L’enfant et les sortilèges“ und mit Zemlinskys “Der Zwerg” unter der Leitung von Martyn Brabbins gab, und zum Festival in Aix-en-Provence. Ihre Zusammenarbeit mit Dirigenten wie Alan Curtis, Iñaki Encina, Lorenzo Ramos und Jean-Luc Tingaud führte sie unter anderem zum Wexford Opera Festival (Le roi malgré lui, Chabrier), an das Teatro de la Zarzuela in Madrid (Viento es la dicha de amor, De Nebra), an das Théâtre Roger Barat, Herblay (Rigoletto, Verdi), an das Teatro de la Maestranza, Sevilla (Walküre, Wagner), an das Teatro Cervantes, Malaga (Die Zauberflöte, Mozart), und an das Auditorio Nacional, Madrid (Carmina Burana, Orff). 2012 hatte sie einen Fernsehauftritt mit dem Spanischen Rundfunkorchester unter Adrian Leaper. Ihr Interesse an der Interpretation von Barockmusik spiegelt sich in der Zusammenarbeit mit Spezialensembles wie La Capilla Real, Sphera AntiQva und den International Baroque Players wieder. Mercedes Arcuri ist Preisträgerin internationaler Gesangswettbewerbe. Tourneen führten sie bisher nach Asien und nach Südamerika. Jérôme Corréas und Jean Tubery. Nachdem er 2007 seine ersten solistischen Rollen übernimmt, beginnt seine Solokarriere 2009 mit der Rolle des Scaramuccio in Ariadne auf Naxos (Richard Strauss). In letzter Zeit konnte man ihn in als Erster Soldat und Liberto in Monteverdis „Incoronazione di Poppea“ und als Evangelist in Bachs Matthäuspassion und im Liederzyklus „Biondina“ von Gounod hören. In der Saison 2012/13 war er in Charpentiers „Médée“ am Théâtre des Champs Elysées und an der Opéra de Lille zu hören. Christian Hettkamp | Sprecher Christian Hettkamp wurde am Schauspielstudio von Hildburg Frese in Hamburg ausgebildet. Erste Engagements führten ihn an die Kampnagel Fabrik sowie an die Landesbühne Niedersachsen Nord. Nach einer Zwischenstation am Münchner Volkstheater ging er für drei Jahre an das Theater Regensburg. Im Jahr 2002 erhielt er den Bayerischen Theaterpreis. Seit 2004 gehört er zum Schauspielensemble des Theaters St. Gallen. Ensemble Diderot Matthieu Chapuis | Tenor Matthieu Chapuis beginnt seine musikalische Ausbildung im Alter von sieben Jahren mit Unterricht in Querflöte und tritt mit dreizehn der „Maîtrise des Hauts de Seine“ (Kinderchor der Pariser Oper) bei. Nach dem Stimmbruch entscheidet er, sich dem Studium (Ingenieur in Elektronik) und dem Sport (Rugby ist immer noch zweite seine Leidenschaft) zu widmen. Während seiner Studienzeit nimmt er an der Gründung des „Jeune Choeur de Paris“ mit Laurence Equilbey teil. Das Ingenieursdiplom in der Tasche, geht er für zwei Jahre in die USA um bei ST-Microelectronics in Dallas (Texas) zu arbeiten. 2001 kommt er nach Frankreich zurück und beschließt 2003, seinen Beruf als Ingenieur endgültig aufzugeben und stattdessen am „Centre de Musique Baroque de Versailles“ das Gesangsstudium wieder aufzunehmen. Drei Jahre später singt er mit Dirigenten wie u.a. Emmanuelle Haïm, William Christie, Hervé Niquet, David Stern, programm_combatti_06.indd 6-7 Das Ensemble Diderot ist eine auf die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts spezialisierte Gruppe von jungen Musikern, die sich der Aufführung und Erforschung des barocken Triosonaten-Repertoires verschrieben hat. In Paris von Johannes Pramsohler gegründet, wurde das Ensemble schnell bekannt für seine energievollen, virtuosen Interpretationen und entwickelt sich zu einer der interessantesten und originellsten Kammermusikformationen in Europa. Benannt nach Denis Diderot, dem großen Unbekannten unter den großen Bekannten der französischen Aufklärung, dem brillanten Schriftsteller, Denker und Philosoph, widmet sich das Ensemble vorrangig der Interpretation der barocken Form der Triosonate in ihrer ursprünglichen und klangvollsten Besetzung mit zwei Violinen, Cembalo und Cello. Für besondere Projekte wird die Besetzung je nach Anforderung erweitert. Der besondere Stil des Ensembles war von Beginn an hörbar, ein intensiver, kraftvoller Klang, außerordentliche Akkuratesse in Phrasierung und Artikulation und die kreative Auseinandersetzung mit der historischen Aufführungspraxis. Alle Ensemblemitglieder sind auf das Spiel historischer Instrumente spezialisiert. Das Ensemble Diderot ist bei seinen Konzerten in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien ob seiner überzeugenden künstlerischen Vision und der unkonventionellen Programmplanung von Publikum und Kritik hoch gelobt worden. Während der Saison 2008/09 waren die Musiker als Ensemble in Residence in Amilly (Frankreich) und bei den „Aldeburgh Residencies“ in Suffolk/ Großbritannien eingeladen, wo sie ein enthusiastisch aufgenommenes Konzert in der Jubilee Hall gaben. 2010 residierte das Ensemble als „Rheinsberger Hofkapelle“ in der Schlossanlage von Friedrich dem Großen und Prinz Heinrich von Preußen in Rheinsberg/Brandenburg und gab dort sechs Konzerte. Seit 2012 besteht eine fruchtbringende Zusammenarbeit des Ensembles mit dem Théâtre Roger Barat in Herblay, einem Vorort von Paris. Die erste CD erscheint am 18. April beim Label Audax Records. 02/04/2014 22:58 S T E R Z I N G E R O S T E R S P I E L E 2 0 1 4 - C O M B AT T I M E N T O S T E R Z I N G E R O S T E R S P I E L E 2 0 1 4 - C O M B AT T I M E N T O Prolog Armidas Verzauberte Insel TARQUINIO MERULA (1594/5 – 1665) Canzonetta spirituale sopra alla nanna (Curtio precipitato et altri capricii, Libro secondo, 1638) CLAUDIO MONTEVERDI (1567 – 1643) Si dolce è il tormento (Quarto scherzo delle ariose vaghezze, 1624) Hor ch’e tempo di dormire, dormi figlio e non vagire, perché tempo ancor verrà, che vagir bisognerà. Nun, da es Zeit zu Schlafen ist, schlaf, mein Sohn, und weine nicht, denn die Zeit der Tränen wird noch kommen. Deh ben mio, deh, cor mio fa’, fa’ la ninna ninna na. Ach, mein Liebster, ach, mein Herz, eia, eia, schlaf ein. Amor mio, sia questo petto hor per te morbido letto, pria che rendi ad alta voce l’alma al Padre su la croce. Mein Liebster, dieser Busen sei dir heute ein weiches Bette, eh du laut klagend deine Seele am Kreuz dem Vater empfiehlst. Posa hor queste membra belle, vezzosette e tenerelle, perché poi ferri e catene gli daran acerbe pene. Ruh deine schönen Glieder aus, die anmutigen und zarten, denn einst werden ihnen Eisen und Ketten herbe Schmerzen bereiten. Queste mani e questi piedi, ch’hor con gusto e gaudio vedi, ahimé, come in vari modi passeran acuti chiodi! Diese Hände und Füße, die du heute mit Staunen und Freuden siehst, weh, sie werden einst vielfach von spitzen Nägeln durchbohrt. Questa faccia gratiosa, rubiconda, hor più che rosa, sputi e schiaffi sporcheranno con tormento e grand’affanno. Dies holde Antlitz, das heute gesund und rosig strahlt, werden Speichel und Schläge qualvoll und schmerzlich beschmutzen. Ah, con quanto tuo dolore, sola speme del mio core, questo capo e questi crini passeran acuti spini. Ach, wie schmerzvoll, du einzige Hoffnung meines Herzens, werden die spitzen Dornen dein Haupt und deine Stirn durchbohren. Ah, ch’in questo divin petto amor mio dolce diletto, vi farà piaga mortale, empia lancia e disleale. Ach, deiner göttlichen Brust, mein süßer, teurer, Liebster, wird die grausame Lanze des Verräters eine tödliche Wunde bereiten. Dormi dunque, figliol mio, dormi pur, Redentor mio, perché poi con lieto viso ci vedrem in paradiso. Darum schlafe, mein Sohn, schlafe nur, du mein Erlöser, denn einst werden wir uns selig im Paradies wiedersehen. Hor che dorme la mia vita, del mio cor gioia compita, taccia ogn‘un con puro zelo taccian sin la terra e ‚l cielo. Nun, da mein Leben schläft, die ganze Freude meines Herzens, möge ein jeder ergeben schweigen, auch Erde und Himmel mögen schweigen. E Frau tanto io che farò? Il mio ben contemplerò: ne starò col capo chino sin che dorme il mio Bambino. Und was werde ich indessen tun? Ich werde meinen Liebsten betrachten, ihm mit gesenktem Haupt beistehen, so lange mein Sohn schläft. programm_combatti_06.indd 8-9 Si dolce è ’l tormento che in seno mi sta, ch’io vivo contento per cruda beltà. Nel ciel di bellezza S’accreschi fierezza et manchi pietà: ché sempre qual scoglio all’onda d’orgoglio mia fede sarà. So süß ist die Qual in meiner Brust, dass ich selig für die grausame Schöne lebe. Möge auf dem Gipfel der Schönheit ihre Grausamkeit noch wachsen und ihr Mitleid schwinden: Gleich einem Felsen im Sturm wird meine Treue im Angesicht des Stolzes standhaft sein. La speme fallace rivolgami il piè. diletto né pace non scendano a me, e l’empia ch’adoro mi nieghi ristoro di buona mercé: tra doglia infinita, tra speme tradita vivrà la mia fé. Möge die trügerische Hoffnung sich von mir kehren, möge weder Freude noch Frieden über mich sinken, möge meine grausame Angebetete mir die Erquickung gütiger Gnade versagen: In unendlichem Schmerz, bar jeder Hoffnung, wird meine Treue doch überleben. Per foco e per gelo riposo non ho; nel porto del cielo riposo haverò. Se colpo mortale con rigido strale il cor m’impiagò, cangiando mia sorte col dardo di morte il cor sanerò. Feuer und Eis werden mir keine Ruhe schenken; im Hafen des Himmels werde ich Ruhe finden. Wenn der spitze Pfeil mit tödlichem Schlag mein Herz durchbohrt, wird sich mein Schicksal wenden, und am Pfeil des Todes wird mein Herz gesunden. Se fiamma d’amore già mai non sentì quel rigido core ch’il cor mi rapì, se nega pietate la cruda beltate che l’alma invaghì: Ben fia che dolente, pentita e languente sospirimi un dì. Wenn es die Flammen der Liebe noch niemals fühlte, jenes harte Herz, das mir das meine stahl, wenn sie mir keine Gnade gewährt, jene grausame Schöne, die meine Seele verzauberte, so mag sie eines Tages voller Schmerzen und Reue in Sehnsucht um mich seufzen. 02/04/2014 22:58 S T E R Z I N G E R O S T E R S P I E L E 2 0 1 4 - C O M B AT T I M E N T O S T E R Z I N G E R O S T E R S P I E L E 2 0 1 4 - C O M B AT T I M E N T O STEFANO LANDI (1587 – 1639) Quando Rinaldo (Libro d’Arie, 1637) LUIGI ROSSI (1597 - 1653) Choro dei Pastori (Erminia sul Giordano, 1633) Con note canore fra dolci concenti spieghiamo d’Amore le cure pungenti. Mit unseren Gesängen in sanften Harmonien erläutern wir Amors spitze Pfeile. Quando Rinaldo invitto Armida abbandonò, sentendo il cor trafitto per duolo ella mancò. Als der siegreiche Rinaldo Armida verließ, fühlte sie ihr Herz so verraten, dass sie gramerfüllt in Ohnmacht fiel. Di questo che ancide le Furie son guide, e seco ne vanno la Frode e l’Inganno. Die Furien sind die Anführer dieses mörderischen Gottes, und in seiner Begleitung: Betrug und Täuschung. Tal piaga sentì, tal doglia soffrì, che in tanta pena suo desir fù non viver più. Die Wunde war so groß, die Schmerzen so stark, dass ihr einziger Wunsch in solcher Pein nicht mehr zu leben war. Quest’Argo bendato, che cieco si finge, con laccio dorato ogn’alma ne stringe. Dieser Argus mit verbundenen Augen, der sich blind stellt, führt jede Seele in die goldene Falle. Con mille ohimè dolenti i lidi ella ferì, e in questi amari accenti l’acerba doglia aprì: Tausend klagende Rufe schickt sie an ihre heimatlichen Ufer, und in diesen bitteren Tönen gib sie ihre Qualen wieder: Acerbi e mortali avventa gli strali, nemico di pace accende la face. Bitter und sterblich sind die Pfeile, die er schleudert. Als des Friedens Feind, entzündet er die Flamme. « Hor dunque da me vuoi volgere il piè? Hor dunque il cielo mirar potrà tua crudeltà? „So willst du mich jetzt verlassen? So wird der Himmel jetzt deine Grausamkeit sehen? Oh quanto m’alletta un vago sembiante, che l’alma saetta con chioma ondeggiante! Oh, wie bezaubernd ist dieses schleierhafte Gesicht, das mit seinem lockigen Haar die Seele verletzt! Perfido, mancatore! Sia maledetto il dì che coi suoi sguardi Amore il petto mi ferì. Verräter, Eidbrecher! Der Tag sei verflucht an dem Amor meine Brust mit seinen Blicken verletzt hat. Ma spesso quell’onde, ch’un crine diffonde, all’alma funesta minaccian tempesta. Aber oft drohen die Wellen dieser Haare meiner Seele einen unheilvollen Sturm an. Diversa mercè sperò la mia fe, e provo -- ahi lassa -tua ferità senza pietà. » Eine andere Belohnung erwartete meine Treue, und ich fühle – ach – wie du mich gnadenlos verletzt hast.“ Se splende la rosa in guancia ridente, nel petto / core ascosa, la spina si sente. Wenn die Rose auf lächelnder Backe leuchtet, spürt man den Dorn versteckt in der Brust. Ciò detto, ella oprò poi sua magica virtù: e agl’incanti suoi Pluto ubbidiente fù. Dies gesagt, vollbrachte sie alsdann ihre magische Zauberei: Pluto leistete ihren Beschwörungen Folge. Or dunque d’Amore dall’empio rigore, dai lacci, dai dardi, ogn’uno si Guardi. Und so ist jeder vor der bösen Härte, den Fallen und Pfeilen Amors auf der Hut. Il sol s’oscurò, la terra tremò e d’atre nubi, velando il dì, ella chiarì: Die Sonne verdunkelte sich, die Erde bebte und den Tag mit düsteren Wolken verschleiernd erklärte sie: programm_combatti_06.indd 10-11 02/04/2014 22:58 S T E R Z I N G E R O S T E R S P I E L E 2 0 1 4 - C O M B AT T I M E N T O Der Kampf LUIGI ROSSI Se la magica verga... Il nemico (Erminia sul Giordano, 1633) Recitativo Se la magica verga oggi non mente, questa è la selva ove l’eroe in breve spinto da cura ardente con sollecito piè giunger pur deve. Rezitativ Wenn mein Zauberstab heute nicht lügt, ist dies hier der Wald, wo der Held bald, von brennender Sorge angetrieben, eiligen Schrittes ankommen wird. Io, che colà nel campo invan tentai farlo mio prigioniero, ancor dall’alta impresa non rallento il pensiero; E di giust’ira accesa Armida non sia mai stanca à tentar degl’avversari i danni. Userò nuovi inganni per adescar quell’alma; che sè il prode guerriero lungi ne guiderò, ben presto tutto il suo campo è distrutto. Ich, die ich auf dem Schlachtfeld vergebens versuchte, ihn zu meinem Gefangenen zu machen, habe die Gedanken an dieses edle Vorhaben nicht aufgegeben; Und von dieser Wut angetrieben, wird Armida nie müde, sich den Gefahren des Gegners zu stellen. Ich werde neue Täuschungen aufbieten, um sein Herz zu verführen; denn wenn ich diesen stolzen Ritter weit fort führen kann, wird bald alles zerstört sein. Cosi le schiere armate rimarran sol per me vinte e disfatte: Poiche saggia beltate vince ogni forza, ogni potere abbatte. So werden die Truppen von mir allein besiegt und zerschlagen werden: Weil so eine weise Schönheit jede Kraft besiegt und jede Macht niederreißt. Nè sia che non si pieghi, benché il guerrier il core abbia di smalto, s’io moverò l’assalto di lagrime, di preghi: e se otterrò la desiata palma, oh, quai doglie, oh, qual pena io gli preparo! Onde al mondo sia chiaro che son d’Armida i vanti, amar d’esser amata, odiar gl’amanti. Und sie wird sich nicht unterwerfen, (obwohl der Ritter ein Herz aus Stein hat) wenn ich einen Angriff von Tränen und Bitten wage: Und wenn ich den begehrten Sieg davontrage, oh, welche Schmerzen, welche Pein wird er erfahren! Damit es der Welt klar ist, dass es Armidas Privileg ist, lieben, geliebt zu werden und die Liebhaber zu hassen. Aria Il nemico attendo al varco sol con armi di beltà; e d’Amor lo strale e l’arco solo un guardo oggi sarà. Arie An der Schwelle warte ich auf den Feind allein mit den Waffen der Schönheit; Und meine Blicke werden heute Amors Pfeil und Bogen sein. Sia pur severo, sia pur`altero, che trafitto ei resterà. Er wird umsonst grausam sein, er wird umsonst hochmütig sein, er wird vernichtet. Sarà strale ogni mia voce ch’allettando anciderà; e non sia che quel feroce trovi poi da me pietà. Der Pfeil wird meine Stimme sein, die mit ihren Verlockungen tötet; Und nie wird dieser Grausame von mir Gnade erhalten. Sia pur quel’ empio de’ forti esempio, che trafitto ei resterà. Der Gottlose wird umsonst ein tapferer Held sein; er wird vernichtet. programm_combatti_06.indd 12-13 S T E R Z I N G E R O S T E R S P I E L E 2 0 1 4 - C O M B AT T I M E N T O BIAGIO MARINI (1594 – 1663) Sonata sopra ‘la Monica’ CLAUDIO MONTEVERDI Il Combattimento di Tancredi e Clorinda, 1624 (Ottavo libro di madrigali guerrieri et amorosi, 1638) Tancredi, che Clorinda un uomo stima, vol ne l’armi provarla al paragone. Va girando colei l’alpestre cima ver altra porta, ove d’entrar dispone. Segue egli impetuoso, onde assai prima che giunga, in guisa avvien che d’armi suone ch’ella si volge e grida: – O tu, che porte, correndo sì – Rispose: E guerra e morte. Tancredi, der Clorinda für einen Mann hält, will sie auf die Waffenprobe stellen. Sie schreitet um den Berggipfel herum auf ein anderes Stadttor zu, wo sie hineinzugehen sich anschickt. Er folg ihr derart ungestüm, dass viel früher, als er sie erreicht, seine Rüstung zu hören ist, und sie sich umdreht und ruft: „Du da, was bringst du, der du so läufst?“ Er antwortete: „Krieg und Tod.“ – Guerra e morte avrai – disse – io non rifiuto dàrlati, se la cerchi, e ferma attendi. – Né vuol Tancredi, ch’ebbe a piè veduto il suo nemico, usar cavallo, e scende. E impugna l’un l’altro il ferro acuto, ed aguzza l’orgoglio e l’ire accende; e vansi incontro, a passi tardi e lenti, quai due tori gelosi e d’ira ardenti. „Krieg und Tod sollst du haben“, sagte sie, „ich habe nichts dagegen, ihn dir zu geben, wenn du ihn suchst und still stehenbleibst.“ Und Tancredi, der seinen Feind zu Fuß gesehen hat, will nicht zu Pferd kämpfen und steigt ab. Beide greifen zu den scharfen Schwertern und reizen ihren Stolz und entflammen ihren Zorn; und gehen sich entgegen mit verhaltenen, langsamen Schritten wie zwei lauernde, wutentbrannte Stiere. Notte, che nel profondo oscuro seno chiudeste e nell’oblio fatto sí grande, degne d’un chiaro sol, degne d’un pieno teatro, opre sarian sí memorande. Piacciati ch’io ne’l tragga, e’n bel sereno a le future età lo spieghi e mande. Viva la fama lor; et tra lor gloria splenda dal fosco tuo l’alta memoria. Nacht, die du in deiner tiefen, dunklen Brust und in Vergessenheit eine so bedeutende Tat einschlossest (Würdig des hellen Sonnenlichts, würdig eines vollen Theaters wären so bemerkenswerte Taten). Möge es dir gefallen, dass ich sie hervorhole, und im hellen Licht künftigen Generationen erzähle und überliefere. Möge ihr Ruhm leben; und die edle Erinnerung an ihre Heldentaten leuchte aus deinen Dunstschleiern. Non schivar, non parar, non pur ritrarsi voglion costor, né qui destrezza ha parte. Non danno i colpi or finti, or pieni, or scarsi: toglie l’ombra e ‘l furor l’uso dell’arte. Odi le spade orribilmente urtarsi a mezzo il ferro, il piè d’orma non parte: sempre è il piè fermo e la man sempre in moto, né scende taglio in van, né punta a voto. Nicht ausweichen, nicht abwehren und nicht zurückweichen wollen sie, noch spielt Geschicklichkeit hier mit. Sie teilen die Schläge nicht mal vorgetäuscht, mal voll, mal knapp aus, die Dunkelheit und ihre Wut verhindern jede Kampfeskunst. Hör ihre Schwerter schrecklich klirren in der Mitte der Klinge, und jeder bleibt dem anderen auf den Fersen: immer stehen sie auf festen Füßen, ihre Hände immer in Bewegung, und kein Schlag fährt vergeblich nieder, kein Stich trifft ins Leere. 02/04/2014 22:58 S T E R Z I N G E R O S T E R S P I E L E 2 0 1 4 - C O M B AT T I M E N T O S T E R Z I N G E R O S T E R S P I E L E 2 0 1 4 - C O M B AT T I M E N T O Torna l’ira ne’ cori, e li trasporta, benché deboli, in guerra. Ah fera pugna! U’ l’arte in bando, u’ già la forza è morta, ove, in vece, d’entrambi il furor pugna! Oh che sanguigna e spaziosa porta fa l’una e l’altra spada, ovunque giugna ne l’armi e ne le carni! e se la vita non esce, sdegno tienla al petto unita. Der Zorn kehrt in ihre Herzen zurück und treibt sie, obgleich sie schwach sind, zum Kampf. Ach wilder Streit! Wo die Kampfeskunst darniederliegt und die Kraft schon gebrochen ist, wo statt dessen beider Wut den Kampf bestimmt! Ach, welche blutigen, klaffenden Wunden schlagen beide Schwerter, wo immer sie in die Rüstung und ins Fleisch treffen! Und wenn das Leben nicht schwindet, so nur, weil Zorn es in der Brust zurückhält. Ma ecco omai l’ora fatale è giunta che ‘l viver di Clorinda al suo fin deve. Spinge egli il ferro nel bel sen di punta che vi s’immerge, e ‘l sangue avido beve: e la veste, che d’or vago trapunta, le mammelle stringea tenera e lieve, l’empie d’un caldo fiume. Ella già sente morirsi, e ‘l piè le manca egro e languente. Doch sieh, nun ist die Schicksalsstunde gekommen, da Clorindas Leben zu Ende gehen muss. Er stößt die Spitze seines Schwertes in ihre schöne Brust, die dort tief eindringt und das Blut begierig trinkt, und das goldbestickte Gewand, das die Brüste sanft und leicht umschloss, tränkt es mit einem warmen Strom. Sie fühlt schon den Tod nahe, und der Fuß wird schwach und matt. Segue egli la vittoria, e la trafitta vergine minacciando incalza e preme. Ella, mentre cadea, la voce afflitta movendo, disse le parole estreme: parole ch’a lei novo spirto aditta, spirto di fé, di carità, di speme, virtù ch’or Dio le infonde, e se rubella in vita fu, la vuol in morte ancella. Er treibt seinen Sieg zum Ende und setzt der durchbohrten Jungfrau drohend nach und bedrängt sie. Sie sprach im Fallen mit gequälter Stimme die letzten Worte: Worte, die ein neuer Geist ihr eingibt, der Geist des Glaubens, der Liebe, der Hoffnung, Tugenden, die Gott ihr eingibt, und wenn sie rebellisch im Leben war, so will er sie im Tod als sein Geschöpf. Armseliger! Woran hast du gefallen? O wie traurig werden die Triumphe sein und wie unglücklich dein Grund zur Prahlerei! Deine Augen werden (wenn du am Leben bleibst) jeden Tropfen dieses Blutes mit einem Meer von Tränen bezahlen. So, schweigend und sich anstarrend, unterbrachen diese blutüberströmten Krieger einige Zeit ihren Kampf. Tancredi schließlich brach das Schweigen und sprach, auf dass einer dem anderen seinen Namen entdecke: – Amico, hai vinto: io ti perdon ... perdona tu ancora, al corpo no, che nulla pave, a l’alma sì: deh! per lei prega, e dona battesmo a me ch’ogni mia colpa lave. – In queste voci languide risuona un non so che di flebile e soave ch’al cor gli scende ed ogni sdegno ammorza, e gli occhi a lagrimar gli invoglia e sforza. „Freund, du hast gesiegt: Ich vergebe dir – vergib auch du, nicht dem Leib, der nichts fürchtet, aber der Seele: Ach, bete für sie und gib mir die Taufe, die all meine Schuld fortwäscht.“ In diesen sehnsuchtsvollen Worten klingt etwas so Wehmütiges und Süßes, dass es ihm das Herz anrührt und seinen Zorn dämpft und ihm die tränen in die Augen treibt. – Nostra sventura è ben che qui s’impieghi tanto valor, dove silenzio il copra. Ma poi che sorte ria vien che ci neghi e lode e testimon degno de l’opra, pregoti (se fra l’armi han loco i prieghi) che ‘l tuo nome e ‘l tuo stato a me tu scopra, acciò ch’io sappia, o vinto o vincitore, chi la mia morte o la mia vita onore. – „Es ist wohl unser Missgeschick, dass wir hier so große Tapferkeit beweisen, wo Schweigen sie verdeckt. Doch da ein freundliches Schicksal uns Lob und Zeugnis, die der Tat würdig wären, versagt, bitte ich dich (wenn Bitten in Kampf Platz haben), mir deinen Namen und deinen Stand zu enthüllen, damit ich wissen möge, ob als Besiegter oder Sieger, wer mich mit Tod oder Leben beehrt.“ Poco quindi lontan nel sen d’un monte scaturia mormorando un picciol rivo. Egli v’accorse e l’elmo empiè nel fonte, e tornò mesto al grande ufficio e pio. Tremar sentì la man mentre la fronte non conosciuta ancor sciolse e scoprìo. La vide, la conobbe, e restò senza e voce e moto. Ahi vista! ahi conoscenza! Und nicht weit entfernt am Fuße eines Berges quoll murmelnd ein kleiner Bach hervor. Er lief dorthin und füllte seinen Helm an der Quelle und kehrte traurig zu seiner großen, frommen Aufgabe zurück. Er fühlte seine Hand zittern, während er die unbekannte Stirn freimacht und entblößt. Er sah und erkannte sie: und erstarrte ohne Sprache und Bewegung. O welch Anblick! O welche Erkenntnis! Rispose la feroce: – Indarno chiedi quel ch’ho per uso di non far palese. Ma chiunque io mi sia, tu innanzi vedi un di quei due che la gran torre accese. – Arse di sdegno a quel parlar Tancredi: – E in mal punto il dicesti E ‘l tuo dir e ‘l tacer di par m’alletta barbaro discortese, alla vendetta. – Wild erwiderte sie: „Umsonst fragst du nach dem, was ich gewöhnlich nicht kundtue. Doch wer auch immer ich sei, du siehst vor dir einen der beiden, die den großen Turm in Brand setzten.“ Vor Wut brannte Tancredi bei diesen Worten: „In einem ungünstigen Augenblick hast du dies gesagt. Dein Reden und dein Schweigen reizt mich gleichermaßen, unhöflicher Barbar, zur Rache.“ Non morì già che sue virtuti accolse tutte in quel punto e in guardia al cor le mise; e premendo il suo affanno a dar si volse vita con l’acqua a chi col ferro uccise. Mentre egli il suon de’ sacri detti sciolse, colei di gioia trasmutossi, e rise: e in atto di morir lieta e vivace, dir parea: «S’apre il ciel; io vado in pace» Doch starb er nicht, weil er seine ganze Kraft zusammennahm in diesem Zeitpunkt und sie in seinem Herzen bewachte. Und seinen Schmerz bezähmend gab er mit dem Wasser derjenigen das Leben, die er mit dem Schwert tötete. Während er die heiligen Worte sprach, wurde sie von Freude durchdrungen und lächelte; und im sterben schien sie froh und lebhaft zu sagen: „Der Himmel öffnet sich, ich gehe in Frieden.“ L’onta irrita lo sdegno alla vendetta, e la vendetta poi l’onta rinova: onde sempre al ferir, sempre alla fretta stimol novo s’aggiunge e cagion nova. D’or in or più si mesce e più ristretta si fa la pugna, e spada oprar non giova: dansi con pomi, e infelloniti e crudi cozzan con gli elmi insieme e con gli scudi. Schmähworte reizen die Feindseligkeit zur Rache, und die Rache erneuert drauf die Beleidigung, weshalb es zum Verletzen und zum Hasten immer neuen Anreiz gibt und immer neue Wunden. Mit der Zeit teilen sie immer mehr Schläge aus, und enger wird der Kampf, und das Schwert ist nicht mehr angebracht; Sie schlagen sich mit den Schwertknäufen, und wild und grausam stoßen sie mit den Helmen und Schilden aufeinander. Tre volte il cavalier la donna stringe con le robuste braccia, ed altrettante poi da quei nodi tenaci ella si scinge, nodi di fier nemico, e non d’amante. Tornano al ferro, e l’una e l’altro il tinge di molto sangue: e stanco ed anelante e questi e quegli al fin pur si ritira, e dopo lungo faticar respira. Dreimal presst der Ritter die Frau an seine Brust mit seinen starken Armen, und ebensooft befreit sie sich aus diesen festen Umarmungen, Umarmungen eines wilden Feindes und nicht eines Liebhabers. Sie greifen erneut zu den Schwertern und beflecken es beide mit viel Blut; und müde und außer Atem ziehen sich beide schließlich zurück und schöpfen Atem nach dem mühevollen Kampf. L’un l’altro guarda, e del suo corpo esangue su’l pomo de la spada appoggia il peso. Già de l’ultima stella il raggio langue al primo albor ch’è in oriente acceso. Vede Tancredi in maggior copia il sangue del suo nemico, e sé non tanto offeso. Ne gode e insuperbisce. Oh nostra folle mente ch’ogni aura di fortuna estolle! Sie blicken sich gegenseitig an und stützen ihre matten Körper schwer auf den Schwertknauf. Schon verlöscht das Licht des letzten Sterns im ersten Morgenlicht, das sich im Osten zeigt. Tancredi sieht mehr Blut an seinem Feind und sieht sich selbst nicht so sehr verletzt. Er freut sich und wird stolz. O unser törichter Sinn, der jeden Glückshauch gleich verherrlichen muss! Misero, di che godi? Oh quanto mesti fiano i trionfi ed infelice il vanto! Gli occhi tuoi pagheran (se in vita resti) di quel sangue ogni stilla un mar di pianto. Così tacendo e rimirando, questi sanguinosi guerrier cessaro alquanto. Ruppe il silenzio al fin Tancredi e disse, perché il suo nome l’un l’altro scoprisse: programm_combatti_06.indd 14-15 02/04/2014 22:58 S T E R Z I N G E R O S T E R S P I E L E 2 0 1 4 - C O M B AT T I M E N T O BIAGIO MARINI Passacaglio a 4 Tancredi und Erminia LUIGI ROSSI Ferma, Tancredi, il passo... O valle, o bosco (Erminia sul Giordano, 1633) Recitativo Ferma, Tancredi, il passo, ch’omai si regge a pena il fianco infermo e lasso, anzi morto ed esangue: Non perché il fiero guerrier abbia tratto in duello dalle mie vene il sangue, ma perché Amor più fero e più rubello con acerba ferita mi toglie, ohimè, la vita. Rezitativ Halte an, Tancredi, denn schwach und ausgezehrt, was sage ich, blutleer, kannst du dich kaum aufrecht halten: Nicht weil der stolze Krieger mir im Duell alles Blut aus den Venen sondern weil Amor, noch grausamer und rebellisch, mit bitterer Wunde mir, Ah, das Leben nahm. O Clorinda, o scoglio, o sasso, o della tigre altera, che minacciar su l’elmo tuo si vede, e più cruda e più fera! Tosto che il tuo venir da me s’intese, rapido più che lampo io mossi il piede. Ma, lasso, io non la trovo. Forse qualche contesa or la ritiene, o da cruel periglio forse rimane offesa. Ach Clorinda, du Fels, du Stein, Ach, du bist wie der stolze, bedrohliche Tiger, den man auf deinem Helm sieht, noch grausamer und noch hochmütiger! Seit ich wusste, dass du kommst, bin ich schneller als der Blitz herbeigelaufen. Jedoch finde ich sie leider nicht. Vielleicht wird sie von einem Streit aufgehalten, oder eine grausame Gefahr verletzt sie. Ma s’altri ardì cotanto, giuro, per quelle luci ond’io tutt’ardo, per quelle chiome aurate, in cui l’alma è ristretta, di farne alta vendetta. Ma se alla voglia non adula il guardo, presso a quell’antro io miro muover non so che fronda: Chi sà; da quella sponda forse colei ne vien, per cui sospiro! Wenn dies aber jemand versucht, schwöre ich bei den Augen, die mich entflammen bei diesem goldenen Haar, das ihre Seele behütet, Rache zu üben. Wenn mich aber meine Augen nicht trügen, glaube ich, neben dieser Höhle, sich bewegende Äste zu sehen: Wer weiß, vielleicht kommt an diesem Ufer diejenige, für die ich atme! Ah no, che l’aura è solo nella verde campagna che fa scuoter le frondi ed al mio duolo forse sospira e per pietà si lagna; Ahi, che gioco dei venti, misero me, mi fanno i miei tormenti! Io, per aver di lei qualche novella della selva ogni fronda, ogni virgulto ricercherò con flebile singulto. Ach nein, es ist nur der Wind, der in diesen grünen Gefilden die Äste bewegt und über meinen Schmerz seufzt und sich aus Mitleid mit mir beklagt; Ach, wie sich die Winde mit ihrem Spiel über meine Marter lustig machen! Um irgend eine Neuigkeit von meiner Schönen zu erfahren, werde ich jeden Ast, jeden Spross mit leisem Seufzen untersuchen. programm_combatti_06.indd 16-17 S T E R Z I N G E R O S T E R S P I E L E 2 0 1 4 - C O M B AT T I M E N T O Aria O valle, o bosco, o ninfe, o chiare linfe vezzosette e serene, ditemi ov’è il mio bene. Arie Oh du Tal, du Hein, ihr Nymphen, oh klare Quellen anmutig und heiter, sagt mir, wo ist mein Schatz. O fiori, o erbe, o piante, d’un mesto amante per raddolcir le pene, ditemi ov’è il mio bene. Oh ihr Blumen, ihr Gräser, ihr Pflanzen, um die Leiden eines bedrückten Liebenden zu lindern sagt mir, wo ist mein Schatz. SIGISMONDO D’INDIA (1582 - 1629) Ma che? Squallido e oscuro (Primo libro di musiche da cantar solo, 1609) Ma ché? Squallido e oscuro anco mi piaci. Anima bella, se qui intorno gire, se odi il mio pianto, a le mie voglie audaci perdona il furto e ’l temerario ardire: da le pallide labbra i freddi baci, che sì caldi sperai, vuo’ pur rapire; parte torrò di sue ragioni a morte baciando queste labbra esangui e smorte. Was nun? Selbst elend und düster gefällst du mir. Schöne Seele, weilst du noch hier, hörst du mein Weinen, so vergib mein dreistes Verlangen und mein verwegenes Glühen: Kalte Küsse, die ich mir heiß erhoffte, will ich von deinen bleichen Lippen stehlen; einen Teil von dir will ich den Klauen des Todes rauben, indem ich diese toten, blassen Lippen küsse. BIAGIO MARINI In solitario piano (Le lagrime d’Erminia, 1623) In solitario piano di fiori adorno e di romite piante vicino al bel Giordano giace la bella e sconsolata amante, e tra que’ muti horrori piange solinga i suoi negletti amori. In einer einsamen, mit Blumen und Sträuchern geschmückten Ebene nah am schönen Jordan liegt die schöne und untröstliche Geliebte, und in dieser stummen Düsterkeit weint sie einsam, ihre Liebe verschmäht. Dalle mani ristrette, da begl’occhi piangenti al ciel rivolti, dalle guancie umidette, a cui la doglia i ricchi pregi ha tolti, da penosi sospiri, par che la morte se medesma spiri. Man sieht an ihren verkrampften Händen, an den weinenden, gen Himmel gerichteten Augen, den feuchten Wangen, denen der Schmerz die reichen Trümpfe nahm, an ihren qualvollen Seufzern, dass es scheint, der Tod selbst sterbe. L’aure che già ridenti in torno a l’aureo crin vaghe scherzaro, e de’ suoi dolci accenti l’aure felici al ciel ricche volaro hor le fanno funeste come a morta d’amor l’esequie meste. Die Lüfte, die früher, lachend, scherzend mit ihrem goldenen Haar spielten und mit ihren süßen Worten gen Himmel flogen, machen ihr nun düstere, betrübliche Trauerfeiern, wie für einen Liebestod. 02/04/2014 22:58 S T E R Z I N G E R O S T E R S P I E L E 2 0 1 4 - C O M B AT T I M E N T O Piange ed ha per consorte nel pianto suo l’aurora, e s’odon l’onde sol mormorar di morte, e con sussurri flebili le fronde e i pietosi augelletti imparano a spiegar lugubri affetti. Sie weint und hat in ihren Tränen die Morgenröte als Gefährtin; man hört die Wellen nur von Tod murmeln, und mit klagendem Geflüster lernen die Blätter und die mitleidsvollen Vögel traurige Empfindungen zu verkünden. Misera Erminia oppressa dal suo dolor ne’ suoi lamenti tace, ma l’alta doglia espressa nel volto è nuncia d’interrotta pace. Non parla e piange solo che’ l duol non lascia ch’ella esprima il duolo. Die unglückliche Erminia, bedrückt von ihrem Schmerz, hört mit dem Klagen auf, aber ihr gequältes Antlitz verkündet, dass ihr Frieden gebrochen ist. Sie schweigt, sie weint nur, weil der Schmerz sie ihren Schmerz nicht ausdrücken lässt. Non ha la lingua il moto, stagna il pianto negli occhi e non ha’l petto voce; pallido, immoto giace il corpo languente ... Al fin l’affetto ministra le parole e sgorga il pianto, ella così si duole. Sie kann ihre Zunge nicht bewegen, Tränen stehen in ihren Augen, ihre Brust hat keine Stimme; blass, starr liegt ihr schwacher Körper da ... Am Ende ersticken die Gefühle ihre Worte, die Tränen sprudeln, so groß ist der Schmerz. BIAGIO MARINI Sonata in eco con tre violini COMBATTIMENTO auf Facebook: www.facebook.com/combattimento.fantasmagorie Besuchen Sie uns im Internet: www.ensemblediderot.com www.johannespramsohler.com www.florentsiaud.com programm_combatti_06.indd 18-19 02/04/2014 22:58 STERZINGER OSTERSPIELE 2014 programm_combatti_06.indd 20 02/04/2014 22:58