1900-1950: FRIEDENSLIEDER IN KRIEGSZEITEN Milena Cossetto und Alois Weber Als ich in den Achtzigerjahren im Wissenschaftlichen Lyzeum “Torricelli” in Bozen unterrichtete, hatte ich mit den Schülern und unter Mitarbeit einiger Kollegen ein Projekt ausgearbeitet, um über die neuen Formen der Massenliteratur und die darin auftretenden Helden der Jugendlichen nachzudenken. Als Quelle wollten wir die Lieder - oder richtiger: die Schlager - benutzen, die im Laufe der Zeit von den jungen Generationen gesungen worden waren. Sie sollten uns zeigen, wie sich die Mentalität einigen Themen und Werten gegenüber - dem Frieden, der Freiheit, der Liebe, der Freundschaft, der Beziehung zur Natur, dem sozialen und gesellschaftlichen Engagement - geändert hatte. Eines Tages kam ein Schüler einer ersten Lyzeumsklasse ganz aufgeregt zu mir, um mir eine Kunststoffplatte mit recht ramponiertem Schutzumschlag zu zeigen: “Schauen Sie, Frau Professor, die habe ich im Keller gefunden. Sie gehört meinen Eltern, aber sie spielen sie jetzt nicht mehr. Sie sieht so abgenutzt aus, als wäre sie mehr als 100 Jahre alt... Sie ist wirklich alt: stellen Sie sich vor - aus dem Jahr 1964!! Und auf der Platte drin ist ein wunderschönes Lied... für den Frieden und gegen den Krieg. Es ist die Geschichte eines Soldaten. Ich habe sie angehört und den Text aufgeschrieben. Können wir ihn in der Klasse lesen? Das Lied heißt ‘Pieros Krieg’”. 124. Umschlag der Platte La guer ra di Piero von Fabrizio De André, 1964. 92 La guerra di Piero von Fabrizio De Andre 1962-1964 Dormi sepolto in un campo di grano, non è la rosa, non è il tulipano che ti fan veglia dall’ombra dei fossi ma sono mille papaveri rossi. Sparagli, Piero, sparagli ora e dopo un colpo sparagli ancora, fino a che tu non lo vedrai esangue cadere a terra, coprire il suo sangue. “Lungo le sponde del mio torrente voglio che scendano i lucci argentati. Non più i cadaveri dei soldati portati in braccio dalla corrente ”. “E se gli sparo in fronte o nel cuore soltanto il tempo avrà per morire, ma il tempo a me resterà per vedere, vedere gli occhi di un uomo che muore ”. Così dicevi, ed era d’inverno, e come gli altri verso l’inferno te ne vai, triste come chi deve; il vento ti sputa in faccia la neve. E mentre gli usi questa premura quello si volta, ti vede, ha paura ed imbracciata l’artiglieria non ti ricambia la cortesia. Fermati, Piero, fermati adesso, lascia che il vento ti passi un po’ addosso. Dei morti in battaglia ti porti la voce: chi diede la vita ebbe in cambio una Croce Cadesti a terra senza un lamento e ti accorgesti in un solo momento che il tempo non ti sarebbe bastato a chieder perdono per ogni peccato; Ma tu non lo udisti, e il tempo passava con le stagioni a “passo di Giava”, ed arrivasti a passar la frontiera in un bel giorno di primavera. cadesti a terra senza un lamento e ti accorgesti in un solo momento che la tua vita finiva quel giorno e non ci sarebbe stato ritorno. E mentre marciavi con l’anima in spalle vedesti un uomo, in fondo alla valle, che aveva il tuo stesso identico umore ma la divisa di un altro colore. “Ninetta mia, crepare di maggio ci vuole tanto, troppo coraggio, Ninetta bella, dritto all’inferno avrei preferito andarci d’inverno”. E mentre il grano ti stava a sentire dentro le mani stringevi il fucile, dentro la bocca stringevi parole troppo gelate per sciogliersi al sole. Dormi sepolto in un campo di grano, non è la rosa, non è il tulipano che ti fan veglia dall’ombra dei fossi ma sono mille papaveri rossi. Verbietet mir das Protestieren, und ich schreibe kein einziges Lied mehr. Aber der Protest muss zwei Merkmale haben: vor allem muss er aufrichtig und gut durchdacht sein. Und dann auf das Leben bezogen, auf unsere Erfahrungen, die uns einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen haben. FABRIZIO DE ANDRÉ In dem Moment ist mir bewusst geworden, dass diese Platte und dieses Lied, die auch Teil meiner Jugend waren, den unsichtbaren Faden bildeten, mit dem das Gewebe der Geschichte hergestellt wird und der die verschiedenen Generationen miteinander verbindet. Wir haben den Text in der Klasse gelesen und das Lied von Fabrizio De André angehört, das zum Ausgangspunkt dieser unserer gemeinsamen Reise in die Vergangenheit geworden ist. Die Lieder und Songs des 20. Jahrhunderts können uns helfen, uns einer besonderen Geschichte Europas und der Welt zu nähern: nämlich der Geschichte der Gefühle und Träume, der Hoffnungen und Enttäuschungen, der Sehnsucht und des Leids so vieler Männer und Frauen, des universalen Gefühls der Liebe, wie sie von einer Generation auf die andere weitergegeben werden, mit der Melodie und den Worten eines Lieds. Wie ein Duft, ein Geschmack oder eine Farbe, die unserer Kindheit angehören, so bringt uns ein Lied, bringen uns seine Worte und seine Melodie den anderen näher, sodass wir uns weniger einsam fühlen. Eine gemeinsame Erinnerung kann zum Ausgangspunkt gemeinsamer Wege des Zusammenlebens werden. Mit Pieros Krieg von Fabrizio De André haben wir einen Weg begonnen, der es uns ermöglicht, die Kriege des 20. Jahrhunderts aus anderer Sicht zu sehen. Volkstümliche Lieder, die gemeinsam gesungen worden sind - im Gasthaus oder auf einem Fest, voller Freude oder Wut, voller Schmerz oder Begeisterung - sind kennzeichnend für die ersten 50 Jahre des vergangenen Jahrhunderts. So wollen wir hier nachfolgend einige dieser Lieder präsentieren (und entsprechende bibliografische Hinweise liefern). De André hat es einmal so formuliert (und große Volksmusikforscher wie Gianni Bosio, Diego Carpitella und Roberto Leydi vor ihm): “Ein Lied ist wie ein Gedicht. Eben aus diesem Grund kann ich für die Freunde singen”. Wenn wir einen Sprung zurück in die Geschichte tun, finden wir neben bekannten Liedern, die sich auf den ersten Weltkrieg beziehen und oft von traditionellen Bergchören vorgetragen worden sind, auch andere Lieder, die vom Grauen des Krieges berich125 ten. Eines davon ist O Gorizia, tu sei maledetta / O Gorizia, du bist verflucht, das den Themen nahe steht, wie Giuseppe Ungaretti sie in seinen berühmtesten dem Krieg gewidmeten Gedichten - wie Soldati oder San O Gorizia tu sei maledetta Martino del Carso - anklingen lässt. La mattina del cinque di agosto O Gorizia, tu sei maledetta ist beim Festisi muovevano le truppe italiane, val von Spoleto 1966 erstmals öffentlich vorper Gorizia e le terra lontane, getragen worden, von der Volksmusikgrupe dolente ognun si partì. pe Il Nuovo Canzoniere Italiano. Diese Darbietung hat nicht wenige Polemiken und Sotto l’acqua che cadeva al rovescio Proteste ausgelöst: neben dem üblicherweise grandinavano le palle nemiche. rhetorisch heroisierten Kriegsbild werden Su quei monti, gran valle e colline hier zum ersten Mal auch Schmerz und Wut si moriva dicendo così: über so viele “ins Verderben geschickte jun“O Gorizia, tu sei maledetta ge Männer” laut. per ogni cuore che sente coscienza. Dolorosa ci fu la partenza, e ritorno per molti non fu”. O vigliacchi che voi ve ne state con le mogli sui letti di lana! Schernitori di noi carne umana, maledetti sarete un dì. Voi chiamate il Campo d’Onore questa terra da là dai confini... Qui si muore gridando “Assassini!”, questa terra c’insegna a punir’. Cara moglie, che tu non mi senti, raccomando ai compagni vicini di tenermi da conto ai bambini, che io muoio col tuo nome nel cuor.” Traditori signori ufficiali 126 125. Italienische Soldaten im Schützengraben, Frühjahr 1916. 126. Friauler Frauen befördern in ihren Rückenkörben Kies zum Bau neuer Straßen in den “vom Feind befreiten” Gebieten. Che la guerra l’avete voluta Schernitori di carne venduta Questa guerra ci insegna così “O Gorizia, tu sei maledetta per ogni cuore che sente coscienza. Dolorosa ci fu la partenza, e ritorno per molti non fu”. 93 Auch in Ta-pum ist vom Krieg die Rede, aber in tristerem, nunmehr resigniertem Ton. Dieses Lied gehört zum klassischen Reper toire der italienischen Bergchöre. Ta-pum Venti giorni sull’Ortigara Senza cambio per dismontà Ta-pum, ta-pum, ta-pum Ta-pum, ta-pum, ta-pum. Quando poi siamo scesi al piano Battaglione non ha più soldà. Ta-pum, ta-pum, ta-pum Ta-pum, ta-pum, ta-pum. Dietro al ponte c’è un cimitero, cimitero di noi soldà Ta-pum, ta-pum, ta-pum Ta-pum, ta-pum, ta-pum. Quando sei dietro a quel muretto, soldatino, non puoi più parlà. Ta-pum, ta-pum, ta-pum Ta-pum, ta-pum, ta-pum. Auch der zweite Weltkrieg hat seine Lieder, die dank des Radios, das inzwischen zu einem Werkzeug der Massenkommunikation geworden ist, immer weitere Verbreitung finden. Im Radio hört man die Aufrufe des Regimes, aberr auch Liebeslieder, Schlager, Militärmärsche und Fanfaren. Das Radio zieht in die Schulen ein, ist auf den Plätzen zu Hause, versteckt sich in Dachstuben und Kellern, wo man “schwarz” Radio London empfangen und den Partisanenbrigaden während der Befreiungskämpfe gegen den Nazifaschismus chiffrierte Botschaften übermitteln kann. Doch da ist in Deutschland ein Lied, das geradezu zum Exempel des Lebens an der Front wird. Es ist Lili Marleen, interpretiert von Lale Andersen. Rainer Werner Fassbinder, der große deutsche Regisseur der Siebzigerjahre, hat der Andersen einen Film gewidmet, in dem er vom Leben, von den Dramen, von den Ängsten und den Kompromissen erzählt, wie sie die Künstler im NaziDeutschland erlebt hatten. Es war zweifellos das Lieblingslied aller Soldaten des zweiten Weltkriegs. Lili Marleen wurde die inoffizielle Hymne der Soldaten an sämtlichen Fronten. Der Urtext dieses Liedes, “das Lied eines jungen Soldaten auf der Wacht”, stammt von Hans Leip, einem deutschen Soldaten des ersten Weltkriegs. Hans Leip war am 22. September 1893 in Hamburg geboren und starb am 6. Juni 1983 in Fruthwilen, bei Frauenfeld (Thurgau), Schweiz. Er schrieb diese Strophen 1915 vor seiner Abfahrt an die russische Front. Dabei kombinierte er den Namen seiner Freundin Lili (Tochter seines Lebensmittelhändlers) mit 94 dem der Freundin eines seiner Freunde. Dieses Gedicht wurde später in seiner Poesiesammlung 1937 veröffentlicht. Norbert Schultze, ein bekannter Komponist (geboren 1911 in Braunschweig, gestorben am 17. Oktober 2002), wurde auf dieses Gedicht aufmerksam und vertonte es 1938. Joseph Goebbels wollte einen Marsch daraus machen, Lale Andersen wollte es zuerst gar nicht singen und der Unterhaltungssender, für den Schultze das Lied vertonte, wollte es nicht spielen. Kurz vor dem Krieg machte Lale Andersen eine Aufnahme dieses Liedes, verkaufte aber nur 700 Kopien. Nach der deutschen Besetzung von Jugoslawien wurde in Belgrad ein Nachrichtensender erstellt, der natürlich auch Propaganda bis zum Afrika-Korps senden sollte. Leutnant Karl-Heinz Reintgen, der Direktor von Radio Belgrad, hatte einen Freund im AfrikaKorps, dem diese Melodie sehr gefiel. Am 18. August 1941 übertrug er die Lale-AndersenVersion zum ersten Mal. Auch Feldmarschall Rommel gefiel dieses Lied, und er bat Radio Belgrad, es in die Sendungen zu integrieren. Was dann auch geschah. Es wurde bald zur Erkennungsmelodie dieses Senders und all- abendlich um 21.55 Uhr, kurz vor Sendeschluss, ausgestrahlt. Dieses Lied war nicht mehr zu bremsen, sobald es irgendwo bekannt wurde. Auch die Alliierten hörten mit, und die Lili Marleen wurde somit die Lieblingsmelodie aller Soldaten, gleich welcher Nationalität und Sprache. Die große Popularität dieser deutschen Version hatte eine schnelle englische Version zur Folge [...]. Es wird behauptet, dass dieses Lied in mehr als 48 Sprachen übersetzt worden ist: u. a. ins Französische, ins Russische, ins Italienische und Hebräische. In Jugoslawien genoss auch Tito dieses Lied sehr. Marlene Dietrich brachte “Das Mädchen unter der Laterne” per Radio an die Öffentlichkeit und “für drei lange Jahre in Nordafrika, Sizilien, Italien, Alaska, Grönland, Island und England”, wie sie später erklärte. Lili Marleen ist ganz gewiss das populärste Kriegslied aller Zeiten. Das Thema von der Sehnsucht nach dem Liebhaber ist weltumspannend. Weshalb ist dieses Lied so populär? Das letzte Wort hierzu überlassen wir Lale Andersen selbst: “Kann denn der Wind erklären, warum er zum Sturm wurde?”. 127 Lale Andersen (Liese-Lotte Helene Berta Bunnenberg), *23.3.1905 in Lehe/Bremerhaven, †29.8.1972 in Wien. Deutsche Schauspielerin, Sängerin, Kabarettistin, besuchte die Schauspielschule des Deutschen Theaters in Berlin; erstes Engagement in Zürich (1933-1937), danach am Berliner “Kabarett der Komiker” als Chansonsängerin (1938-1942); bekannt durch das Soldatenlied Lili Marleen (1939). Sie schrieb “Wie werde ich Haifisch? - Ein heiterer Ratgeber für alle, die Schlager singen, texten oder komponieren wollen” (1969); TV-Shows. Lili Marleen (1939); Ein Schiff wird kommen (1960); Matrosen aus Pyräus (1961); Wenn du heimkommst (1961); Einmal sehen wir uns wieder (1961) Im roten Licht der Hafenbar (1961); Fern, so fern von hier (1962); Ein fremder Mann (1962). Marlene Dietrich (Maria Magdalena von Losch Dietrich), *27.12.1901 in Berlin †06.05.1992 in Paris. When we stand by that lantern old As once Lili Marleen. Lili Marleen Originalfassung Text: Hans Leip 1915 Musik: Norbert Schulze 1938 Then the guard to me says: “There’s tap call, let’s go. This could cost you three days.” “Be there in half a mo’.” So that was when we said farewell, Tho’ with you I would rather dwell, With you, Lili Marleen. Vor der Kaserne Vor dem großen Tor Stand eine Laterne Und steht auch noch davor So woll’n wir uns da wiederseh’n Bei der Laterne woll’n wir steh’n: Wie einst Lili Marleen. Well she knows your foot steps, Your own determined gait. Ev’ry evening waiting, Me? A mem’ry of late. Should something e’er happen to me, Who will under the lantern be, With you Lili Marleen? Unsere beiden Schatten Sah’n wie einer aus Dass wir lieb uns hatten Das sah man gleich daraus Und alle Leute soll’n es seh’n Wenn wir bei der Laterne steh’n: Wie einst Lili Marleen. Schon rief der Posten, Sie blasen Zapfenstreich Das kann drei Tage kosten Kam’rad, ich komm sogleich Da sagten wir auf Wiederseh’n Wie gerne wollt ich mit dir geh’n: Mit dir Lili Marleen. Deine Schritte kennt sie, Deinen zieren Gang Alle Abend brennt sie, Doch mich vergaß sie lang Und sollte mir ein Leids gescheh’n Wer wird bei der Laterne steh’n: Mit dir Lili Marleen? Aus dem stillen Raume, Aus der Erde Grund Hebt mich wie im Traume Dein verliebter Mund Wenn sich die späten Nebel dreh’n Werd’ ich bei der Laterne steh’n: Wie einst Lili Marleen. Lilli Marleene (erste Ubersetzung, von Tommie Connor, 1944) Underneath the lantern, By the barrack gate Darling I remember The way you used to wait T’was there that you whispered tenderly, That you loved me, You’d always be, My Lilli of the Lamplight, My own Lilli Marlene Time would come for roll call, Time for us to part, Darling I’d caress you And press you to my heart, And there ‘neath that far-off lantern light, I’d hold you tight , We’d kiss good night, My Lilli of the Lamplight, My own Lilli Marlene From my quiet existence, And from this earthly pale, Like a dream you free me, With your lips so hale. When the night mists swirl and churn, Then to that lantern I’ll return, As once Lili Marleen. 128 127. In das Gletschereis gehauene Gänge im Gebirge, während des 1. Weltkriegs. 128. Marlene Dietrich. Orders came for sailing, Somewhere over there All confined to barracks was more than I could bear I knew you were waiting in the street I heard your feet, But could not meet, My Lilly of the Lamplight, my own Lilly Marlene Resting in our billets, Just behind the lines Even tho’ we’re parted, Your lips are close to mine You wait where that lantern softly gleams, Your sweet face seems To haunt my dreams My Lilly of the Lamplight, My own Lilly Marlene Lili Marleen (wortliche Ubersetzung, von Frank, 1998) At the barracks compound, By the entry way There a lantern I found And if it stands today Then we’ll see each other again Near that old lantern we’ll remain As once Lili Marleen. Both our shadows meeting, Melding into one Our love was not fleeting And plain to everyone, Then all the people shall behold Lili Marleen italienische Ubersetzung Tutte le sere sotto quel fanal presso la caserma ti stavo ad aspettar. Anche stasera aspetterò, e tutto il mondo scorderò: con te Lili Marleen. O trombettier stasera non suonar, una volta ancora la voglio salutar. Addio piccina, dolce amor, ti porterò per sempre in cor: con me Lili Marleen. Prendi una rosa da tener sul cuor legala col filo dei tuoi capelli d’or. Forse domani piangerai, ma dopo tu sorriderai: A chi Lili Marleen? Quando nel fango debbo camminar sotto il mio bottino mi sento vacillar. Che cosa mai sarà di me? Ma poi sorrido e penso a te: a te Lili Marleen. Se chiudo gli occhi il viso tuo m’appar come quella sera nel cerchio del fanal. Tutte le notti sogno allor di ritornar, di riposar: con te Lili Marleen. 95 In den ersten Nachkriegsjahren diente die Erinnerung an die Partisanenkämpfe zur Befreiung Italiens von der nazifaschistischen Diktatur den jungen Generationen als Mahnung. Ähnlich wie in Frankreich, wo Intellektuelle und Dichter sich mit jungen Musikern verbündet und Chansons geschrieben hatten, um sie den Modeschlagern entgegenzusetzen, und wie in Deutschland, wo im Theater Balladen von Bert Brecht, Hanns Eisler, Kurt Weill und Paul Dessau vorgetragen wurden, gründeten Michele Straniero, Giulio Einaudi, Franco Fortini, Italo Calvino, Sergio Liberovici, Massimo Mila und andere italienische Intellektuelle in den Fünfzigerjahren in Turin die Kulturzeitschrift Cantacronache, die auch Lieder veröffentlichte. Die Mitarbeiter der Zeitschrift nahmen, indem sie das soziale Engagement mit der kulturellen Recherche verknüpften, den Kampf gegen die Schlager auf, die nur unterhalten wollten, aber den Horizont einengten. Dies ist der Nährboden für die engagierten Werke der Liedermacher, für Musikgruppen und dann die verschiedenen Beatund Rockbewegungen der Sechziger- und Siebzigerjahre. In der ersten Nummer von Cantacronache 129 ist zu lesen: Bisher hatten wir uns niemals mit der sogenannten leichten Musik beschäftigt. Wir engagieren uns - außer in der beruflichen Praxis - auf spezifisch kulturellen Bereichen, im Roman, in der Dichtung, im Essay, in der klassischen Musik, in der Malerei, haben uns aber gemeinsam entschlossen, uns auch auf diesem Bereich zu betätigen, weil sich die Verherrlichung der Zerstreuung hier deutlicher und penetranter zeigt. In diesem Klima sind unsere Lieder entstanden [...] Über alle Polemiken oder Zäsuren hinaus möchten wir “von der Ablenkung ablenken”, möchten wieder Geschichten singen, Ereignisse und Erzählungen, die die Leute in ihrem Alltag hier und heute angehen, ihr Gefühlsleben (mit seriösen und normalen Empfingungen, nicht mit abgedroschenen Geziertheiten), ihre Kämpfe, ihre Hoffnungen und Träume, die Ungerechtigkeiten, unter denen sie leiden - all das, was ihnen zu leben oder zu sterben hilft. Oltre il ponte ist eines der ersten Lieder. Im Text, der von Italo Calvino geschrieben und dem Partisanenleben zwischen 1943 und 1945 gewidmet wurde, wird die Erinnerung an die Vergangenheit, an die Träume und Hoffnungen der Generation, die “die Geschichte in die Hand genommen hat”, zu einem Zeugnis, das den neuen Generationen übermittelt wird, damit sie den Weg zu einem Leben in Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden finden. Oltre il ponte Text: Italo Calvino Musik: Sergio Liberovici O ragazza dalle guance di pesca, o ragazza dalle guance d’aurora io spero che a narrarti riesca la mia vita all’età che tu hai ora. Coprifuoco: la truppa tedesca La città dominava. Siamo pronti Chi non vuole chinare la testa Con noi prenda la strada dei monti. Avevamo vent’anni e oltre il ponte oltre il ponte che è in mano nemica vedevamo l’altra riva, la vita, tutto il bene del mondo oltre il ponte. Tutto il male avevamo di fronte, tutto il bene avevamo nel cuore, a vent’anni la vita è oltre il ponte oltre il fuoco comincia l’amore. Silenziosi sugli aghi di pino, su spinosi ricci di castagna, una squadra nel buio mattino discendeva l’oscura montagna. La speranza era nostra compagna assaltar caposaldi nemici conquistandoci l’armi in battaglia scalzi e laceri eppure felici. Avevamo vent’anni e oltre il ponte… Non è detto che fossimo santi, l’eroismo non è sovrumano, corri, abbassati, dài, balza avanti, ogni passo che fai non è vano. Vedevamo a portata di mano, dietro il tronco, il cespuglio, il canneto, l’avvenire di un mondo più umano e più giusto, più libero e lieto. Avevamo vent’anni e oltre il ponte… Ormai tutti han famiglia, hanno figli, che non sanno la storia di ieri. Io son solo e passeggio tra i tigli Con te, cara, che allora non c’eri. E vorrei che quei nostri pensieri, quelle nostre speranze d’allora, rivivessero in quel che tu speri, o ragazza color dell’aurora. Avevamo vent’anni e oltre il ponte oltre il ponte che è in mano nemica vedevamo l’altra riva, la vita, tutto il bene del mondo oltre il ponte. Tutto il male avevamo di fronte, tutto il bene avevamo nel cuore, a vent’anni la vita è oltre il ponte oltre il fuoco comincia l’amore 96 In den Fünfzigerjahren werden der kalte Krieg, das Wettrüsten, die drohende Gefahr der Atombombe zu Themen der “engagier ten” Songs, der Protestlieder. Eines der bedeutungsvollsten ist das nachfolgende Dove vola l’avvoltoio / Wo der Geier fliegt. Dieses Lied, das von Italo Calvino und Sergio Liberovici geschrieben worden ist, stammt aus dem Jahr 1958, hat aber bis heute nichts von seiner Aktualität verloren. 129. Italo Calvino, Manuskript des Textes für das Lied Oltre il ponte. 130. Partitur des Lieds Dove vola l’avvoltoio von Italo Calvino und Sergio Liberovici. 130 Dove vola l’avvoltoio Text: Italo Calvino 1958 Musik: Sergio Liberovici 1958 Un giorno nel mondo finita fu l’ultima guerra, il cupo cannone si tacque e più non sparò e, privo del triste suo cibo, dall’arida terra un branco di neri avvoltoi si levò. Dove vola l’avvoltoio? Avvoltoio vola via, vola via dalla terra mia che è la terra dell’amor. L’avvoltoio andò dal fiume ed il fiume disse: “No, avvoltoio, vola via, avvoltoio, vola via: nella limpida corrente ora scendon carpe e trote, non più i corpi dei soldati che la fanno insanguinar”. Dove vola l’avvoltoio?/… L’avvoltoio andò dal bosco ed il bosco disse: “No, avvoltoio, vola via: tra le foglie, in mezzo ai rami passan sol raggi di sole, gli scoiattoli e le rane; non più i colpi del fucil”. Dove vola l’avvoltoio?/… L’avvoltoio andò dall’eco, anche l’eco, disse “No, avvoltoio, vola via, avvoltoio, vola via: sono i canti che io porto, sono i tonfi delle zappe, girotondi e ninne-nanne, non più il rombo del cannon”. Dove vola l’avvoltoio?… L’avvoltoio andò all’uranio e l’uranio disse: “No, avvoltoio, vola via, avvoltoio, vola via: la mia forza nucleare farà andare sulla luna, non deflagrerà infuocata distruggendo le città”. Dove vola l’avvoltoio?… L’avvoltoio andò ai tedeschi e i tedeschi disser: “No, avvoltoio, vola via, avvoltoio, vola via: non vogliam mangiar più fango, odio e piombo nelle guerre, pane e case in terra altrui non vogliamo più rubar”. Dove vola l’avvoltoio?… Ma chi delle guerre quel giorno aveva il rimpianto in un luogo deserto a complotto si radunò e vide nel cielo, arrivare girando quel branco e scendere scendere, finché qualcuno gridò: Dove vola l’avvoltoio? Avvoltoio vola via, vola via dalla testa mia… ma il rapace li sbranò. L’avvoltoio andò alla madre e la madre disse: “No, avvoltoio, vola via, avvoltoio, vola via: i miei figli li do solo a una bella fidanzata che li porti nel suo letto, non li mando ad ammazzar”. Dove vola l’avvoltoio?… 97 Kiefer, In den Sechzigerjahren fand die pazifis- 131. Anselm Lasst 1000 Blumen tische Bewegung vor allem in Frankreich, blühen, 1998. Deutschland, Italien und bei den Schwarzen in Amerika Widerhall, unter Jugendlichen, Studenten und Intellektuellen, unter Frauen und Arbeitern. Pete Seeger, ein amerikanischer Folksinger, trägt eine alte deutsche oder/und irische Ballade, die aber in ganz Nordeuropa verbreitet ist, in einer modernen Fassung vor. Where have all the flowers gone Traditionell - Pete Seeger 1961 Where have all the flowers gone? Long time passing. Where have all the flowers gone? Long time ago. Where have all the flowers gone? The girls have picked them ev’ry one. Oh, When will you ever learn? Oh, When will you ever learn? Where have all the young girls gone? Long time passing. Where have all the young girls gone? Long time ago. Where have all the young girls gone? They’ve taken husbands ev’ry one. Oh, When will you ever learn? Oh, When will you ever learn? Where have all the young men gone? Long time passing. Where have all the young men gone? Long time ago. Where have all the young men gone? They’re all in uniform. Oh, When will you ever learn? Oh, When will you ever learn? Where have all the soldiers gone? Long time passing. Where have all soldiers gone? Long time ago. Where have all the soldiers gone? They’ve gone to graveyards ev’ry one. Oh, When will you ever learn? Oh, When will you ever learn? Ditemi dove sono i fiori Traditionell. Bearb. von Pete Seeger 1961 (wortliche Ubersetzung) Ditemi dove sono i fiori Dove sono rimasti? Ditemi dove sono i fiori Cos’è accaduto? Ditemi dove sono i fiori Le ragazze li hanno raccolti in fretta Quando lo capiranno? Quando lo capiranno? Ditemi dove sono le ragazze Dove sono rimaste? Ditemi dove sono le ragazze Cos’è accaduto? Ditemi dove sono le ragazze Gli uomini le hanno prese in fretta Quando lo capiranno? Quando lo capiranno? Ditemi dove sono gli uomini Dove sono rimasti? Ditemi dove sono gli uomini Cos’è accaduto? Ditemi dove sono gli uomini Sono andati via, è cominciata la guerra Quando lo capiranno? Quando lo capiranno? Sagt mir wo die Blumen sind Traditionell. Bearb. von Pete Seeger 1961 Sagt mir wo die Blumen sind Wo sind sie geblieben? Sagt mir wo die Blumen sind Was ist gescheh’n? Sagt mir wo die Blumen sind Mädchen pflückten sie geschwind Wann wird man je versteh’n, Wann wird man je versteh’n? Sagt mir wo die Mädchen sind Wo sind sie geblieben? Sagt mir wo die Mädchen sind Was ist gescheh’n? Sagt mir wo die Mädchen sind Männer nahmen sie geschwind Wann wird man je versteh’n, Wann wird man je versteh’n? Sagt mir wo die Männer sind Wo sind sie geblieben? Sagt mir wo die Männer sind Was ist gescheh’n? Sagt mir wo die Männer sind Zogen fort, der Krieg beginnt Wann wird man je versteh’n, Wann wird man je versteh’n? Where have all the graveyards gone? Long time passing. Where have all graveyards gone? Long time ago. Where have all the graveyards gone? They’re covered with flowers ev’ry one. Oh, When will you ever learn? Oh, When will you ever learn? Ditemi dove sono i soldati Dove sono rimasti? Ditemi dove sono i soldati Cos’è accaduto? Ditemi dove sono i soldati Sulle tombe soffia il vento Quando lo capiranno? Quando lo capiranno? Sagt wo die Soldaten sind Wo sind sie geblieben? Sagt wo die Soldaten sind Was ist gescheh’n? Sagt wo die Soldaten sind Über Gräber weht der Wind Wann wird man je versteh’n, Wann wird man je versteh’n? Where have all the flowers gone? Long time passing. Where have all the flowers gone? Long time ago. Where have all the flowers gone? Young girls have picked them ev’ry one. Oh, When will you ever learn? Oh, When will you ever learn? Ditemi dove sono le tombe Dove sono rimaste? Ditemi dove sono le tombe Cos’è accaduto? Ditemi dove sono le tombe I fiori fioriscono al vento d’estate Quando lo capiranno? Quando lo capiranno? Sagt mir wo die Gräber sind Wo sind sie geblieben? Sagt mir wo die Gräber sind Was ist gescheh’n? Und sagt mir wo die Gräber sind Blumen blühn im Sommerwind Wann wird man je versteh’n, Wann wird man je versteh’n? 98