1900-1950: FRIEDENSLIEDER IN
KRIEGSZEITEN
Milena Cossetto und Alois Weber
Als ich in den Achtzigerjahren im Wissenschaftlichen Lyzeum “Torricelli” in Bozen
unterrichtete, hatte ich mit den Schülern
und unter Mitarbeit einiger Kollegen ein
Projekt ausgearbeitet, um über die neuen
Formen der Massenliteratur und die darin
auftretenden Helden der Jugendlichen
nachzudenken. Als Quelle wollten wir die
Lieder - oder richtiger: die Schlager - benutzen, die im Laufe der Zeit von den jungen Generationen gesungen worden waren.
Sie sollten uns zeigen, wie sich die Mentalität einigen Themen und Werten gegenüber - dem Frieden, der Freiheit, der Liebe, der Freundschaft, der Beziehung zur
Natur, dem sozialen und gesellschaftlichen
Engagement - geändert hatte.
Eines Tages kam ein Schüler einer ersten Lyzeumsklasse ganz aufgeregt zu mir,
um mir eine Kunststoffplatte mit recht ramponiertem Schutzumschlag zu zeigen:
“Schauen Sie, Frau Professor, die habe
ich im Keller gefunden. Sie gehört meinen
Eltern, aber sie spielen sie jetzt nicht mehr.
Sie sieht so abgenutzt aus, als wäre sie
mehr als 100 Jahre alt... Sie ist wirklich alt:
stellen Sie sich vor - aus dem Jahr 1964!!
Und auf der Platte drin ist ein wunderschönes Lied... für den Frieden und gegen den
Krieg. Es ist die Geschichte eines Soldaten. Ich habe sie angehört und den Text aufgeschrieben. Können
wir ihn in der Klasse
lesen? Das Lied heißt
‘Pieros Krieg’”.
124. Umschlag der Platte La guer ra di
Piero von Fabrizio
De André, 1964.
92
La guerra di Piero
von Fabrizio De Andre 1962-1964
Dormi sepolto in un campo di grano,
non è la rosa, non è il tulipano
che ti fan veglia dall’ombra dei fossi
ma sono mille papaveri rossi.
Sparagli, Piero, sparagli ora
e dopo un colpo sparagli ancora,
fino a che tu non lo vedrai esangue
cadere a terra, coprire il suo sangue.
“Lungo le sponde del mio torrente
voglio che scendano i lucci argentati.
Non più i cadaveri dei soldati
portati in braccio dalla corrente ”.
“E se gli sparo in fronte o nel cuore
soltanto il tempo avrà per morire,
ma il tempo a me resterà per vedere,
vedere gli occhi di un uomo che muore ”.
Così dicevi, ed era d’inverno,
e come gli altri verso l’inferno
te ne vai, triste come chi deve;
il vento ti sputa in faccia la neve.
E mentre gli usi questa premura
quello si volta, ti vede, ha paura
ed imbracciata l’artiglieria
non ti ricambia la cortesia.
Fermati, Piero, fermati adesso,
lascia che il vento ti passi un po’ addosso.
Dei morti in battaglia ti porti la voce:
chi diede la vita ebbe in cambio una Croce
Cadesti a terra senza un lamento
e ti accorgesti in un solo momento
che il tempo non ti sarebbe bastato
a chieder perdono per ogni peccato;
Ma tu non lo udisti, e il tempo passava
con le stagioni a “passo di Giava”,
ed arrivasti a passar la frontiera
in un bel giorno di primavera.
cadesti a terra senza un lamento
e ti accorgesti in un solo momento
che la tua vita finiva quel giorno
e non ci sarebbe stato ritorno.
E mentre marciavi con l’anima in spalle
vedesti un uomo, in fondo alla valle,
che aveva il tuo stesso identico umore
ma la divisa di un altro colore.
“Ninetta mia, crepare di maggio
ci vuole tanto, troppo coraggio,
Ninetta bella, dritto all’inferno
avrei preferito andarci d’inverno”.
E mentre il grano ti stava a sentire
dentro le mani stringevi il fucile,
dentro la bocca stringevi parole
troppo gelate per sciogliersi al sole.
Dormi sepolto in un campo di grano,
non è la rosa, non è il tulipano
che ti fan veglia dall’ombra dei fossi
ma sono mille papaveri rossi.
Verbietet mir das Protestieren,
und ich schreibe kein einziges Lied mehr.
Aber der Protest muss zwei Merkmale haben:
vor allem muss er aufrichtig und gut durchdacht sein.
Und dann auf das Leben bezogen,
auf unsere Erfahrungen,
die uns einen bitteren Nachgeschmack
hinterlassen haben.
FABRIZIO DE ANDRÉ
In dem Moment ist mir bewusst geworden, dass diese Platte und dieses Lied, die
auch Teil meiner Jugend waren, den unsichtbaren Faden bildeten, mit dem das Gewebe
der Geschichte hergestellt wird und der die
verschiedenen Generationen miteinander
verbindet. Wir haben den Text in der Klasse
gelesen und das Lied von Fabrizio De André
angehört, das zum Ausgangspunkt dieser
unserer gemeinsamen Reise in die Vergangenheit geworden ist.
Die Lieder und Songs des 20. Jahrhunderts
können uns helfen, uns einer besonderen
Geschichte Europas und der Welt zu nähern:
nämlich der Geschichte der Gefühle und Träume, der Hoffnungen und Enttäuschungen, der
Sehnsucht und des Leids so vieler Männer
und Frauen, des universalen Gefühls der Liebe, wie sie von einer Generation auf die andere weitergegeben werden, mit der Melodie und den Worten eines Lieds. Wie ein Duft,
ein Geschmack oder eine Farbe, die unserer
Kindheit angehören, so bringt uns ein Lied,
bringen uns seine Worte und seine Melodie
den anderen näher, sodass wir uns weniger
einsam fühlen. Eine gemeinsame Erinnerung
kann zum Ausgangspunkt gemeinsamer
Wege des Zusammenlebens werden.
Mit Pieros Krieg von Fabrizio De André
haben wir einen Weg begonnen, der es uns
ermöglicht, die Kriege des 20. Jahrhunderts
aus anderer Sicht zu sehen.
Volkstümliche Lieder, die gemeinsam gesungen worden sind - im Gasthaus oder auf
einem Fest, voller Freude oder Wut, voller
Schmerz oder Begeisterung - sind kennzeichnend für die ersten 50 Jahre des vergangenen Jahrhunderts. So wollen wir hier
nachfolgend einige dieser Lieder präsentieren (und entsprechende bibliografische Hinweise liefern). De André hat es einmal so
formuliert (und große Volksmusikforscher
wie Gianni Bosio, Diego Carpitella und Roberto Leydi vor ihm): “Ein Lied ist wie ein
Gedicht. Eben aus diesem Grund kann ich
für die Freunde singen”.
Wenn wir einen Sprung zurück in die Geschichte tun, finden wir neben bekannten
Liedern, die sich auf den ersten Weltkrieg
beziehen und oft von traditionellen Bergchören vorgetragen worden sind, auch andere
Lieder, die vom Grauen des Krieges berich125
ten. Eines davon ist O Gorizia, tu sei maledetta / O Gorizia, du bist verflucht, das den
Themen nahe steht, wie Giuseppe Ungaretti
sie in seinen berühmtesten dem Krieg gewidmeten Gedichten - wie Soldati oder San
O Gorizia tu sei maledetta
Martino del Carso - anklingen lässt.
La mattina del cinque di agosto
O Gorizia, tu sei maledetta ist beim Festisi muovevano le truppe italiane,
val von Spoleto 1966 erstmals öffentlich vorper Gorizia e le terra lontane,
getragen worden, von der Volksmusikgrupe dolente ognun si partì.
pe Il Nuovo Canzoniere Italiano. Diese Darbietung hat nicht wenige Polemiken und
Sotto l’acqua che cadeva al rovescio
Proteste ausgelöst: neben dem üblicherweise
grandinavano le palle nemiche.
rhetorisch heroisierten Kriegsbild werden
Su quei monti, gran valle e colline
hier zum ersten Mal auch Schmerz und Wut
si moriva dicendo così:
über so viele “ins Verderben geschickte jun“O Gorizia, tu sei maledetta
ge Männer” laut.
per ogni cuore che sente coscienza.
Dolorosa ci fu la partenza,
e ritorno per molti non fu”.
O vigliacchi che voi ve ne state
con le mogli sui letti di lana!
Schernitori di noi carne umana,
maledetti sarete un dì.
Voi chiamate il Campo d’Onore
questa terra da là dai confini...
Qui si muore gridando “Assassini!”,
questa terra c’insegna a punir’.
Cara moglie, che tu non mi senti,
raccomando ai compagni vicini
di tenermi da conto ai bambini,
che io muoio col tuo nome nel cuor.”
Traditori signori ufficiali
126
125. Italienische Soldaten im Schützengraben, Frühjahr 1916.
126. Friauler Frauen befördern in ihren Rückenkörben Kies zum Bau neuer Straßen in den “vom
Feind befreiten” Gebieten.
Che la guerra l’avete voluta
Schernitori di carne venduta
Questa guerra ci insegna così
“O Gorizia, tu sei maledetta
per ogni cuore che sente coscienza.
Dolorosa ci fu la partenza,
e ritorno per molti non fu”.
93
Auch in Ta-pum ist vom Krieg die Rede,
aber in tristerem, nunmehr resigniertem
Ton. Dieses Lied gehört zum klassischen
Reper toire der italienischen Bergchöre.
Ta-pum
Venti giorni sull’Ortigara
Senza cambio per dismontà
Ta-pum, ta-pum, ta-pum
Ta-pum, ta-pum, ta-pum.
Quando poi siamo scesi al piano
Battaglione non ha più soldà.
Ta-pum, ta-pum, ta-pum
Ta-pum, ta-pum, ta-pum.
Dietro al ponte c’è un cimitero,
cimitero di noi soldà
Ta-pum, ta-pum, ta-pum
Ta-pum, ta-pum, ta-pum.
Quando sei dietro a quel muretto,
soldatino, non puoi più parlà.
Ta-pum, ta-pum, ta-pum
Ta-pum, ta-pum, ta-pum.
Auch der zweite Weltkrieg hat seine Lieder,
die dank des Radios, das inzwischen zu einem Werkzeug der Massenkommunikation
geworden ist, immer weitere Verbreitung finden. Im Radio hört man die Aufrufe des Regimes, aberr auch Liebeslieder, Schlager, Militärmärsche und Fanfaren. Das Radio zieht
in die Schulen ein, ist auf den Plätzen zu Hause, versteckt sich in Dachstuben und Kellern,
wo man “schwarz” Radio London empfangen und den Partisanenbrigaden während
der Befreiungskämpfe gegen den Nazifaschismus chiffrierte Botschaften übermitteln kann.
Doch da ist in Deutschland ein Lied, das
geradezu zum Exempel des Lebens an der
Front wird. Es ist Lili Marleen, interpretiert
von Lale Andersen. Rainer Werner Fassbinder, der große deutsche Regisseur der Siebzigerjahre, hat der Andersen einen Film gewidmet, in dem er vom Leben, von den Dramen, von den Ängsten und den Kompromissen erzählt, wie sie die Künstler im NaziDeutschland erlebt hatten.
Es war zweifellos das Lieblingslied aller Soldaten des zweiten Weltkriegs. Lili Marleen wurde die inoffizielle Hymne der Soldaten an
sämtlichen Fronten. Der Urtext dieses Liedes, “das Lied eines jungen Soldaten auf der
Wacht”, stammt von Hans Leip, einem deutschen Soldaten des ersten Weltkriegs. Hans
Leip war am 22. September 1893 in Hamburg geboren und starb am 6. Juni 1983 in
Fruthwilen, bei Frauenfeld (Thurgau),
Schweiz. Er schrieb diese Strophen 1915 vor
seiner Abfahrt an die russische Front. Dabei
kombinierte er den Namen seiner Freundin
Lili (Tochter seines Lebensmittelhändlers) mit
94
dem der Freundin eines seiner Freunde.
Dieses Gedicht wurde später in seiner Poesiesammlung 1937 veröffentlicht.
Norbert Schultze, ein bekannter Komponist (geboren 1911 in Braunschweig, gestorben am 17. Oktober 2002), wurde auf dieses
Gedicht aufmerksam und vertonte es 1938.
Joseph Goebbels wollte einen Marsch daraus machen, Lale Andersen wollte es zuerst gar nicht singen und der Unterhaltungssender, für den Schultze das Lied vertonte,
wollte es nicht spielen. Kurz vor dem Krieg
machte Lale Andersen eine Aufnahme dieses Liedes, verkaufte aber nur 700 Kopien.
Nach der deutschen Besetzung von Jugoslawien wurde in Belgrad ein Nachrichtensender erstellt, der natürlich auch Propaganda bis zum Afrika-Korps senden sollte. Leutnant Karl-Heinz Reintgen, der Direktor von
Radio Belgrad, hatte einen Freund im AfrikaKorps, dem diese Melodie sehr gefiel. Am 18.
August 1941 übertrug er die Lale-AndersenVersion zum ersten Mal. Auch Feldmarschall
Rommel gefiel dieses Lied, und er bat Radio
Belgrad, es in die Sendungen zu integrieren.
Was dann auch geschah. Es wurde bald zur
Erkennungsmelodie dieses Senders und all-
abendlich um 21.55 Uhr, kurz vor Sendeschluss, ausgestrahlt. Dieses Lied war nicht
mehr zu bremsen, sobald es irgendwo bekannt wurde. Auch die Alliierten hörten mit,
und die Lili Marleen wurde somit die Lieblingsmelodie aller Soldaten, gleich welcher
Nationalität und Sprache. Die große Popularität dieser deutschen Version hatte eine
schnelle englische Version zur Folge [...]. Es
wird behauptet, dass dieses Lied in mehr als
48 Sprachen übersetzt worden ist: u. a. ins
Französische, ins Russische, ins Italienische
und Hebräische. In Jugoslawien genoss auch
Tito dieses Lied sehr.
Marlene Dietrich brachte “Das Mädchen
unter der Laterne” per Radio an die Öffentlichkeit und “für drei lange Jahre in Nordafrika, Sizilien, Italien, Alaska, Grönland, Island und
England”, wie sie später erklärte.
Lili Marleen ist ganz gewiss das populärste
Kriegslied aller Zeiten. Das Thema von der
Sehnsucht nach dem Liebhaber ist weltumspannend. Weshalb ist dieses Lied so populär?
Das letzte Wort hierzu überlassen wir Lale
Andersen selbst: “Kann denn der Wind erklären, warum er zum Sturm wurde?”.
127
Lale Andersen (Liese-Lotte Helene Berta
Bunnenberg), *23.3.1905 in Lehe/Bremerhaven,
†29.8.1972 in Wien. Deutsche Schauspielerin,
Sängerin, Kabarettistin, besuchte die Schauspielschule des Deutschen Theaters in Berlin; erstes
Engagement in Zürich (1933-1937), danach am
Berliner “Kabarett der Komiker” als Chansonsängerin (1938-1942); bekannt durch das
Soldatenlied Lili Marleen (1939). Sie schrieb
“Wie werde ich Haifisch? - Ein heiterer Ratgeber
für alle, die Schlager singen, texten oder
komponieren wollen” (1969); TV-Shows. Lili
Marleen (1939); Ein Schiff wird kommen
(1960); Matrosen aus Pyräus (1961); Wenn du
heimkommst (1961); Einmal sehen wir uns
wieder (1961) Im roten Licht der Hafenbar
(1961); Fern, so fern von hier (1962); Ein
fremder Mann (1962).
Marlene Dietrich (Maria Magdalena von
Losch Dietrich), *27.12.1901 in Berlin
†06.05.1992 in Paris.
When we stand by that lantern old
As once Lili Marleen.
Lili Marleen
Originalfassung
Text: Hans Leip 1915
Musik: Norbert Schulze 1938
Then the guard to me says:
“There’s tap call, let’s go.
This could cost you three days.”
“Be there in half a mo’.”
So that was when we said farewell,
Tho’ with you I would rather dwell,
With you, Lili Marleen.
Vor der Kaserne
Vor dem großen Tor
Stand eine Laterne
Und steht auch noch davor
So woll’n wir uns da wiederseh’n
Bei der Laterne woll’n wir steh’n:
Wie einst Lili Marleen.
Well she knows your foot steps,
Your own determined gait.
Ev’ry evening waiting,
Me? A mem’ry of late.
Should something e’er happen to me,
Who will under the lantern be,
With you Lili Marleen?
Unsere beiden Schatten
Sah’n wie einer aus
Dass wir lieb uns hatten
Das sah man gleich daraus
Und alle Leute soll’n es seh’n
Wenn wir bei der Laterne steh’n:
Wie einst Lili Marleen.
Schon rief der Posten,
Sie blasen Zapfenstreich
Das kann drei Tage kosten
Kam’rad, ich komm sogleich
Da sagten wir auf Wiederseh’n
Wie gerne wollt ich mit dir geh’n:
Mit dir Lili Marleen.
Deine Schritte kennt sie,
Deinen zieren Gang
Alle Abend brennt sie,
Doch mich vergaß sie lang
Und sollte mir ein Leids gescheh’n
Wer wird bei der Laterne steh’n:
Mit dir Lili Marleen?
Aus dem stillen Raume,
Aus der Erde Grund
Hebt mich wie im Traume
Dein verliebter Mund
Wenn sich die späten Nebel dreh’n
Werd’ ich bei der Laterne steh’n:
Wie einst Lili Marleen.
Lilli Marleene
(erste Ubersetzung, von Tommie Connor, 1944)
Underneath the lantern,
By the barrack gate
Darling I remember
The way you used to wait
T’was there that you whispered tenderly,
That you loved me,
You’d always be,
My Lilli of the Lamplight,
My own Lilli Marlene
Time would come for roll call,
Time for us to part,
Darling I’d caress you
And press you to my heart,
And there ‘neath that far-off lantern light,
I’d hold you tight ,
We’d kiss good night,
My Lilli of the Lamplight,
My own Lilli Marlene
From my quiet existence,
And from this earthly pale,
Like a dream you free me,
With your lips so hale.
When the night mists swirl and churn,
Then to that lantern I’ll return,
As once Lili Marleen.
128
127. In das Gletschereis gehauene Gänge im Gebirge, während des 1. Weltkriegs.
128. Marlene Dietrich.
Orders came for sailing,
Somewhere over there
All confined to barracks
was more than I could bear
I knew you were waiting in the street
I heard your feet,
But could not meet,
My Lilly of the Lamplight,
my own Lilly Marlene
Resting in our billets,
Just behind the lines
Even tho’ we’re parted,
Your lips are close to mine
You wait where that lantern softly gleams,
Your sweet face seems
To haunt my dreams
My Lilly of the Lamplight,
My own Lilly Marlene
Lili Marleen
(wortliche Ubersetzung, von Frank, 1998)
At the barracks compound,
By the entry way
There a lantern I found
And if it stands today
Then we’ll see each other again
Near that old lantern we’ll remain
As once Lili Marleen.
Both our shadows meeting,
Melding into one
Our love was not fleeting
And plain to everyone,
Then all the people shall behold
Lili Marleen
italienische Ubersetzung
Tutte le sere
sotto quel fanal
presso la caserma
ti stavo ad aspettar.
Anche stasera aspetterò,
e tutto il mondo scorderò:
con te Lili Marleen.
O trombettier
stasera non suonar,
una volta ancora
la voglio salutar.
Addio piccina, dolce amor,
ti porterò per sempre in cor:
con me Lili Marleen.
Prendi una rosa
da tener sul cuor
legala col filo
dei tuoi capelli d’or.
Forse domani piangerai,
ma dopo tu sorriderai:
A chi Lili Marleen?
Quando nel fango
debbo camminar
sotto il mio bottino
mi sento vacillar.
Che cosa mai sarà di me?
Ma poi sorrido e penso a te:
a te Lili Marleen.
Se chiudo gli occhi
il viso tuo m’appar
come quella sera
nel cerchio del fanal.
Tutte le notti sogno allor
di ritornar, di riposar:
con te Lili Marleen.
95
In den ersten Nachkriegsjahren diente die
Erinnerung an die Partisanenkämpfe zur
Befreiung Italiens von der nazifaschistischen
Diktatur den jungen Generationen als Mahnung. Ähnlich wie in Frankreich, wo Intellektuelle und Dichter sich mit jungen Musikern
verbündet und Chansons geschrieben hatten, um sie den Modeschlagern entgegenzusetzen, und wie in Deutschland, wo im
Theater Balladen von Bert Brecht, Hanns
Eisler, Kurt Weill und Paul Dessau vorgetragen wurden, gründeten Michele Straniero,
Giulio Einaudi, Franco Fortini, Italo Calvino,
Sergio Liberovici, Massimo Mila und andere
italienische Intellektuelle in den Fünfzigerjahren in Turin die Kulturzeitschrift Cantacronache, die auch Lieder veröffentlichte.
Die Mitarbeiter der Zeitschrift nahmen, indem sie das soziale Engagement mit der
kulturellen Recherche verknüpften, den
Kampf gegen die Schlager auf, die nur unterhalten wollten, aber den Horizont einengten. Dies ist der Nährboden für die engagierten Werke der Liedermacher, für Musikgruppen und dann die verschiedenen Beatund Rockbewegungen der Sechziger- und
Siebzigerjahre.
In der ersten Nummer von Cantacronache
129
ist zu lesen: Bisher hatten wir uns niemals
mit der sogenannten leichten Musik beschäftigt. Wir engagieren uns - außer in der beruflichen Praxis - auf spezifisch kulturellen Bereichen, im Roman, in der Dichtung, im Essay,
in der klassischen Musik, in der Malerei, haben uns aber gemeinsam entschlossen, uns
auch auf diesem Bereich zu betätigen, weil
sich die Verherrlichung der Zerstreuung hier
deutlicher und penetranter zeigt. In diesem
Klima sind unsere Lieder entstanden [...] Über
alle Polemiken oder Zäsuren hinaus möchten wir “von der Ablenkung ablenken”, möchten wieder Geschichten singen, Ereignisse und
Erzählungen, die die Leute in ihrem Alltag hier
und heute angehen, ihr Gefühlsleben (mit seriösen und normalen Empfingungen, nicht mit
abgedroschenen Geziertheiten), ihre Kämpfe, ihre Hoffnungen und Träume, die Ungerechtigkeiten, unter denen sie leiden - all das,
was ihnen zu leben oder zu sterben hilft.
Oltre il ponte ist eines der ersten Lieder.
Im Text, der von Italo Calvino geschrieben
und dem Partisanenleben zwischen 1943
und 1945 gewidmet wurde, wird die Erinnerung an die Vergangenheit, an die Träume
und Hoffnungen der Generation, die “die
Geschichte in die Hand genommen hat”, zu
einem Zeugnis, das den neuen Generationen übermittelt wird, damit sie den Weg zu
einem Leben in Freiheit, Gerechtigkeit und
Frieden finden.
Oltre il ponte
Text: Italo Calvino
Musik: Sergio Liberovici
O ragazza dalle guance di pesca,
o ragazza dalle guance d’aurora
io spero che a narrarti riesca
la mia vita all’età che tu hai ora.
Coprifuoco: la truppa tedesca
La città dominava. Siamo pronti
Chi non vuole chinare la testa
Con noi prenda la strada dei monti.
Avevamo vent’anni e oltre il ponte
oltre il ponte che è in mano nemica
vedevamo l’altra riva, la vita,
tutto il bene del mondo oltre il ponte.
Tutto il male avevamo di fronte,
tutto il bene avevamo nel cuore,
a vent’anni la vita è oltre il ponte
oltre il fuoco comincia l’amore.
Silenziosi sugli aghi di pino,
su spinosi ricci di castagna,
una squadra nel buio mattino
discendeva l’oscura montagna.
La speranza era nostra compagna
assaltar caposaldi nemici
conquistandoci l’armi in battaglia
scalzi e laceri eppure felici.
Avevamo vent’anni e oltre il ponte…
Non è detto che fossimo santi,
l’eroismo non è sovrumano,
corri, abbassati, dài, balza avanti,
ogni passo che fai non è vano.
Vedevamo a portata di mano,
dietro il tronco, il cespuglio, il canneto,
l’avvenire di un mondo più umano
e più giusto, più libero e lieto.
Avevamo vent’anni e oltre il ponte…
Ormai tutti han famiglia, hanno figli,
che non sanno la storia di ieri.
Io son solo e passeggio tra i tigli
Con te, cara, che allora non c’eri.
E vorrei che quei nostri pensieri,
quelle nostre speranze d’allora,
rivivessero in quel che tu speri,
o ragazza color dell’aurora.
Avevamo vent’anni e oltre il ponte
oltre il ponte che è in mano nemica
vedevamo l’altra riva, la vita,
tutto il bene del mondo oltre il ponte.
Tutto il male avevamo di fronte,
tutto il bene avevamo nel cuore,
a vent’anni la vita è oltre il ponte
oltre il fuoco comincia l’amore
96
In den Fünfzigerjahren werden der kalte
Krieg, das Wettrüsten, die drohende Gefahr der Atombombe zu Themen der “engagier ten” Songs, der Protestlieder. Eines der bedeutungsvollsten ist das nachfolgende Dove vola l’avvoltoio / Wo der
Geier fliegt. Dieses Lied, das von Italo
Calvino und Sergio Liberovici geschrieben
worden ist, stammt aus dem Jahr 1958,
hat aber bis heute nichts von seiner Aktualität verloren.
129. Italo Calvino, Manuskript des Textes für das
Lied Oltre il ponte.
130. Partitur des Lieds Dove vola l’avvoltoio von
Italo Calvino und Sergio Liberovici.
130
Dove vola l’avvoltoio
Text: Italo Calvino 1958
Musik: Sergio Liberovici 1958
Un giorno nel mondo finita fu l’ultima
guerra,
il cupo cannone si tacque e più non sparò
e, privo del triste suo cibo, dall’arida terra
un branco di neri avvoltoi si levò.
Dove vola l’avvoltoio?
Avvoltoio vola via,
vola via dalla terra mia
che è la terra dell’amor.
L’avvoltoio andò dal fiume
ed il fiume disse: “No,
avvoltoio, vola via, avvoltoio, vola via:
nella limpida corrente
ora scendon carpe e trote,
non più i corpi dei soldati
che la fanno insanguinar”.
Dove vola l’avvoltoio?/…
L’avvoltoio andò dal bosco
ed il bosco disse: “No,
avvoltoio, vola via:
tra le foglie, in mezzo ai rami
passan sol raggi di sole,
gli scoiattoli e le rane;
non più i colpi del fucil”.
Dove vola l’avvoltoio?/…
L’avvoltoio andò dall’eco,
anche l’eco, disse “No,
avvoltoio, vola via, avvoltoio, vola via:
sono i canti che io porto,
sono i tonfi delle zappe,
girotondi e ninne-nanne,
non più il rombo del cannon”.
Dove vola l’avvoltoio?…
L’avvoltoio andò all’uranio
e l’uranio disse: “No,
avvoltoio, vola via, avvoltoio, vola via:
la mia forza nucleare
farà andare sulla luna,
non deflagrerà infuocata
distruggendo le città”.
Dove vola l’avvoltoio?…
L’avvoltoio andò ai tedeschi
e i tedeschi disser: “No,
avvoltoio, vola via, avvoltoio, vola via:
non vogliam mangiar più fango,
odio e piombo nelle guerre,
pane e case in terra altrui
non vogliamo più rubar”.
Dove vola l’avvoltoio?…
Ma chi delle guerre quel giorno aveva il
rimpianto
in un luogo deserto a complotto si radunò
e vide nel cielo, arrivare girando quel branco
e scendere scendere, finché qualcuno gridò:
Dove vola l’avvoltoio?
Avvoltoio vola via,
vola via dalla testa mia…
ma il rapace li sbranò.
L’avvoltoio andò alla madre
e la madre disse: “No,
avvoltoio, vola via, avvoltoio, vola via:
i miei figli li do solo a una bella fidanzata
che li porti nel suo letto, non li mando ad
ammazzar”.
Dove vola l’avvoltoio?…
97
Kiefer,
In den Sechzigerjahren fand die pazifis- 131. Anselm
Lasst 1000 Blumen
tische Bewegung vor allem in Frankreich,
blühen, 1998.
Deutschland, Italien und bei den Schwarzen in Amerika Widerhall, unter Jugendlichen, Studenten und Intellektuellen, unter Frauen und Arbeitern.
Pete Seeger, ein amerikanischer Folksinger, trägt eine alte deutsche oder/und
irische Ballade, die aber in ganz Nordeuropa verbreitet ist, in einer modernen
Fassung vor.
Where have all the flowers gone
Traditionell - Pete Seeger 1961
Where have all the flowers gone?
Long time passing.
Where have all the flowers gone?
Long time ago.
Where have all the flowers gone?
The girls have picked them ev’ry one.
Oh, When will you ever learn?
Oh, When will you ever learn?
Where have all the young girls gone?
Long time passing.
Where have all the young girls gone?
Long time ago.
Where have all the young girls gone?
They’ve taken husbands ev’ry one.
Oh, When will you ever learn?
Oh, When will you ever learn?
Where have all the young men gone?
Long time passing.
Where have all the young men gone?
Long time ago.
Where have all the young men gone?
They’re all in uniform.
Oh, When will you ever learn?
Oh, When will you ever learn?
Where have all the soldiers gone?
Long time passing.
Where have all soldiers gone?
Long time ago.
Where have all the soldiers gone?
They’ve gone to graveyards ev’ry one.
Oh, When will you ever learn?
Oh, When will you ever learn?
Ditemi dove sono i fiori
Traditionell. Bearb. von Pete Seeger 1961
(wortliche Ubersetzung)
Ditemi dove sono i fiori
Dove sono rimasti?
Ditemi dove sono i fiori
Cos’è accaduto?
Ditemi dove sono i fiori
Le ragazze li hanno raccolti in fretta
Quando lo capiranno?
Quando lo capiranno?
Ditemi dove sono le ragazze
Dove sono rimaste?
Ditemi dove sono le ragazze
Cos’è accaduto?
Ditemi dove sono le ragazze
Gli uomini le hanno prese in fretta
Quando lo capiranno?
Quando lo capiranno?
Ditemi dove sono gli uomini
Dove sono rimasti?
Ditemi dove sono gli uomini
Cos’è accaduto?
Ditemi dove sono gli uomini
Sono andati via, è cominciata la guerra
Quando lo capiranno?
Quando lo capiranno?
Sagt mir wo die Blumen sind
Traditionell. Bearb. von Pete Seeger 1961
Sagt mir wo die Blumen sind
Wo sind sie geblieben?
Sagt mir wo die Blumen sind
Was ist gescheh’n?
Sagt mir wo die Blumen sind
Mädchen pflückten sie geschwind
Wann wird man je versteh’n,
Wann wird man je versteh’n?
Sagt mir wo die Mädchen sind
Wo sind sie geblieben?
Sagt mir wo die Mädchen sind
Was ist gescheh’n?
Sagt mir wo die Mädchen sind
Männer nahmen sie geschwind
Wann wird man je versteh’n,
Wann wird man je versteh’n?
Sagt mir wo die Männer sind
Wo sind sie geblieben?
Sagt mir wo die Männer sind
Was ist gescheh’n?
Sagt mir wo die Männer sind
Zogen fort, der Krieg beginnt
Wann wird man je versteh’n,
Wann wird man je versteh’n?
Where have all the graveyards gone?
Long time passing.
Where have all graveyards gone?
Long time ago.
Where have all the graveyards gone?
They’re covered with flowers ev’ry one.
Oh, When will you ever learn?
Oh, When will you ever learn?
Ditemi dove sono i soldati
Dove sono rimasti?
Ditemi dove sono i soldati
Cos’è accaduto?
Ditemi dove sono i soldati
Sulle tombe soffia il vento
Quando lo capiranno?
Quando lo capiranno?
Sagt wo die Soldaten sind
Wo sind sie geblieben?
Sagt wo die Soldaten sind
Was ist gescheh’n?
Sagt wo die Soldaten sind
Über Gräber weht der Wind
Wann wird man je versteh’n,
Wann wird man je versteh’n?
Where have all the flowers gone?
Long time passing.
Where have all the flowers gone?
Long time ago.
Where have all the flowers gone?
Young girls have picked them ev’ry one.
Oh, When will you ever learn?
Oh, When will you ever learn?
Ditemi dove sono le tombe
Dove sono rimaste?
Ditemi dove sono le tombe
Cos’è accaduto?
Ditemi dove sono le tombe
I fiori fioriscono al vento d’estate
Quando lo capiranno?
Quando lo capiranno?
Sagt mir wo die Gräber sind
Wo sind sie geblieben?
Sagt mir wo die Gräber sind
Was ist gescheh’n?
Und sagt mir wo die Gräber sind
Blumen blühn im Sommerwind
Wann wird man je versteh’n,
Wann wird man je versteh’n?
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1900-1950: FRIEDENSLIEDER IN KRIEGSZEITEN