10. Januar 2011
Alttoskanisch
Vom späten Mittelalter bis zur frühen Neuzeit
2
 Es
gibt noch kein institutionalisiertes
Sprachmodell und keine Wahrnehmung des
Wandels als Verfall durch
traditionsbewusste Sprachwächter
 Die neuen sprachlichen Strukturen werden
daher problemlos in den Texten eingesetzt
 Sprachwandelprozesse lassen sich mithilfe
von schriftlich überlieferten Texten
rekonstruieren
3



Zu den charakteristischen Zügen des archaischen
Florentinischen, die es von späteren Phasen abgrenzen,
gehört z.B. das Vorherrschen des männlichen Artikels lo
gegenüber il.
Die Endungen der ersten Person Plural -emo und -imo
waren trotz des ersten Auftretens von -iamo noch sehr
vital, während -amo frühzeitig durch -emo ersetzt
worden war.
Auch syntaktische Konstruktionen wie mógliama, casasa
etc., die in späteren Jahrhunderten nur südlich der
Toskana überlebten, waren noch möglich.
4





Die syntaktische Autonomie von il gegenüber lo ist zwar
seit 1277 belegt, aber noch bei Dante überwiegt lo.
Die Konjugationsendung -iamo ist zwar bereits in den
frühesten literarischen Texten anzutreffen, konnte sich
aber noch nicht völlig durchsetzen.
So verwendet Dante neben -iamo auch häufig noch die
Endung -emo (avemo, conoscemo, vivemo, vedemo etc.).
Die Passato-remoto-Endungen der dritten Person Plural
lauteten noch meistens -aro, -ero, -iro
gegenüber später normalem -arono, -erono und -irono.
5
 Der
männliche Artikel il hatte sich
endgültig gegenüber lo durchgesetzt,
dessen Gebrauch nunmehr auf bestimmte
Konstellationen beschränkt war (vor Vokal
mit Apostrophierung, vor s + Konsonant
sowie nach per).
6
 Die
Endung -emo ist von -iamo weitgehend
verdrängt worden, aber noch nicht völlig
außer Gebrauch (z.B. avemo bei Boccaccio).
 Die Pronomina lei und lui wurden bereits im
Nominativ verwendet, stellten aber noch
nicht den Normalfall dar.
 Die Endung der ersten Person Singular
Indikativ Imperfekt lautete noch -a (io
aveva, era, amava etc.).
 Die Passato-remoto-Endungen -aro, -ero, iro wurden durch -arono, -erono und -irono
ersetzt.
7
 Zu
den markantesten Merkmalen gehören
die Ausdehnung von el auf Kosten von il
(ohne dieses jedoch völlig zu verdrängen),
 die Verwendung invariabler
Possessivpronomina (Sg. mie, tuo, sua; Pl.
mia, tua, sua),
 die Ersetzung von -ano durch -ono (lavono),
die durch Analogie mit dem Präsens
entstandene erste Person Singular
Imperfekt auf -o (io lavavo statt io lavava),
8
 die
Ersetzung der Passato-remoto-Endung arono durch -orono und -orno, die Ersetzung
von -iamo durch -iano in der ersten Person
Plural (laviano statt laviamo),
 die Ersetzung von -ero durch -eno im
Passato remoto, Konditional und Konjunktiv
Imperfekt (disseno, lavasseno, laverebbeno
statt dissero, lavassero, lavarebbero) etc.
 Diese innovativen Formen alternierten je
nach Autor mit den älteren.
9
 Im
Florentinischen haben sich lat. [ĕ] und
[ŏ] auch nach [r] zu [jɛ] und [wɔ] entwickelt:
priego (= it. prego), pruova (= it. prova),
truova (= it. trova) etc.;
 im Westtoskanischen (z.B. im Bestiario
toscano [ca. 1300]) gilt diese Regel nicht:
prego, pregano, trova, trovano;
 im Florentinischen fehlt der Diphthong in
der Regel vor Palatallauten: figliolo;
 im Westtoskanischen hingegen tritt hier
meistens die Diphthongierung ein: filliuoli
(Bestiario).
10





Der Wandel von vortonischem [ar] zu [er]
ist im Florentinischen belegt: loderò;
in Siena hingegen entwickelt sich
nachtonisches [er] zu [ar]: lat. VIVERE >
vìvare (vs. it. vivere).
Seit ca. 1250 ist die Synkopierung von
averò, doverò, poterò etc. zu avrò, dovrò,
potrò etc. zu beobachten.
In Giambullaris Florentinischer Grammatik
von 1551 finden wir arò etc.
Der Diphthong <ia> wandelt sich zu <ie>: sia >
sie, siano > sieno etc.
11
 Der
Plural auf -ora, der in Süditalien
wesentlich vitaler ist, findet auch im
Toskanischen noch Verwendung:





arcora (= it. archi)
campora (= it. campi)
pratora (= it. prati)
luogora (= it. luoghi)
etc.
 zwischen
dem 15. und 16. Jahrhundert wird
diese Pluralbildungsmöglichkeit außer
Gebrauch kommen.
12


Der männliche Artikel lo ist noch dominant,
doch auch die Variante il, die zuvor nur bei
vorangehendem Vokal möglich war
(Gröbersches Gesetz), verselbständigt sich
allmählich; im Plural alternieren li, i und gli;
in den Dialekten der Westtoskana wird im
Singular el und im Pl. e’ verwendet;
sporadisch kommen diese Formen auch in
Florenz zum Einsatz.
13
 Die
dritte Person Plural Indikativ der eKonjugation -eno (< lat. -ENT) ist noch vital:
cadeno (= it. cadono), conosceno (= it.
conoscono), dormeno (= it. dormono),
cresceno (= it. crescono) etc.
14
 Die
enklitischen Possessivpronomina -mo, ma, -sa etc. sind noch vital:
mógliama (= it. mia moglie),
 càsasa (= it. la sua casa) [Florenz];
 fratelma (= it. mio fratello),
 cognàtoma (= mio cognato) [Siena 13. Jh.]. .


“Liiij. soldi dispesi in uno convito che feci a
cognatoma . . . “
15
 Die
Form wurde in Florenz allerdings über
das Mittelalter hinaus verwendet, z.B. von
N. Machiavelli im Theaterstück Clizia…


[…]
Pirro:
Cleandro:
Nicomaco:
chiami
Damone, …
Che sarà poi?
Rizza gli orecchi, Cleandro!
Io ho imposto a mogliama che
Sostrata, moglie di
16
 …sowie

im Stück Mandragola:
Nicia: Una fatica ci resta, e d'importanza.
Callimaco: Quale?
Nicia: Farne contenta mogliama, a che io non
credo ch'ella si disponga mai.
17
Die Form ist auch bei dem Florentiner
Kommödienautor Giovanni M. Cecchi
(16.Jh.) belegt.
Vgl. auch Vocabolario degli Accademici della
Crusca (1612):
MOGLIAMA. Mia moglie. Lat. mea uxor. Bocc.
76. 8. Mogliama nol mì crederrà. Sen. Pist. E'
ti ricorda bene della pazza, che fu di
mogliama.
Ausgabe von 1750
18
Graphie
Phonetik/Phonologie
Morphosyntax
19



Alternanz zwischen <k> und <ch> zur Wiedergabe
von [k]: ke (= it. che); chuore (= it. cuore), chose
(= it. cose), chome (= it. come).
Sporadische Verwendung von <k> und <q> zur
Wiedergabe von [g]: Kerardi (= it. Gherardi);
quadannio (= it. guadagno) [Pistoia 1259].
Die Verbindungen <th> (insbes. in Pisa, Lucca,
Pistoia) und <tz> (z.B. in Florenz) dienen zur
Wiedergabe von [ts]: vethosa (= it. vezzosa); in
Pisa und Lucca repräsentiert <z> häufig
stimmhaftes -s- [z]: bizogno (= it. bisogno), uzare
(= it. usare).
20
 Im
Florentinischen haben sich lat. [ĕ] und [ŏ]
auch nach [r] zu [jɛ] und [wɔ] entwickelt:
priego (= it. prego), pruova (= it. prova),
truova (= it. trova) etc.;
 im Westtoskanischen (z.B. im Bestiario
toscano [ca. 1300]) gilt diese Regel nicht:
prego, pregano, trova, trovano;
 im Florentinischen fehlt der Diphthong in der
Regel vor Palatallauten: figliolo;
 im Westtoskanischen hingegen tritt hier
meistens die Diphthongierung ein: filliuoli
(Bestiario).
21



Der Wandel von vortonischem [ar] zu [er] ist
im Florentinischen belegt: loderò; in Siena
hingegen entwickelt sich nachtonisches [er]
zu [ar]: lat. VIVERE > vìvare (vs. it. vivere).
Seit ca. 1250 ist die Synkopierung von averò,
doverò, poterò etc. zu avrò, dovrò, potrò etc.
zu beobachten.
Der Diphthong <ia> wandelt sich zu <ie>: sia >
sie, siano > sieno etc.
22
 Zahlreiche
Wörter zeigen eine Sonorisierung
der intervokalischen Verschlusslaute:
imperadore (= it. imperatore), armadura (= it.
armatura), savere (= it. sapere) etc.
 Vor [s] + Konsonant wird prosthetisches [i]
gesetzt.
 Bei den Pluralformen der Wörter auf -co und
-go treten in der Graphie Schwankungen auf:
cuoci (= it. cuochi), cronice (= it. cronache).
23
 Der
Plural auf -ora, der in Süditalien
wesentlich vitaler ist, findet auch im
Toskanischen noch Verwendung: arcora (= it.
archi); campora (= it. campi), pratora (= it.
prati), luogora (= it. luoghi) etc.; zwischen
dem 15. und 16. Jahrhundert wird diese
Pluralbildungsmöglichkeit außer Gebrauch
kommen.
24


Der männliche Artikel lo ist noch dominant, doch
auch die Variante il, die zuvor nur bei
vorangehendem Vokal möglich war (Gröbersches
Gesetz), verselbständigt sich allmählich; im
Plural alternieren li, i und gli; in den Dialekten
der Westtoskana wird im Singular el und im Pl. e’
verwendet; sporadisch kommen diese Formen
auch in Florenz zum Einsatz.
Die dritte Person Plural Indikativ der eKonjugation -eno (< lat. -ENT) ist noch vital:
cadeno (= it. cadono), conosceno (= it. conoscono),
dormeno (= it. dormono), cresceno (= it.
crescono) etc.
25
 Die
enklitischen Possessivpronomina -mo, ma, -sa etc. sind noch vital: mógliama (= it.
mia moglie), càsasa (= it. la sua casa)
[Florenz]; fratelma (= it. mio fratello),
cognàtoma (= mio cognato) [Siena].
 Die Grenzen zwischen Bei- (Parataxe) und
Unterordnung (Hypotaxe) sind noch nicht
klar ausgeprägt.
26
 Wenn
dem Hauptsatz der Nebensatz
vorangeht, kann dieser durch e oder sì (= così
eingeleitet werden.
 Zur Bezeichnung dieses Phänomens hat sich
der Ausdruck Parahypotaxe eingebürgert:
E
quando ei pensato alquanto di lei, ed io
ritornai a la mia debilitata vita [Dante];
 S’io dissi falso, e tu falsasti il conio
[Dante]
27

paraipotassi s. f. [comp. di para(tassi) e ipotassi].
– Procedimento sintattico, largamente diffuso
nell’italiano dei primi secoli, in cui l’ipotassi
(subordinazione) è modificata da un elemento
proprio della paratassi (coordinazione), così che il
periodo si costruisce premettendo una prop.
secondaria (temporale, condizionale, comparativa,
o anche causale), di forma esplicita o di forma
implicita, al gerundio o al part. pass., e
riprendendo la prop. principale con e (o anche sì,
nel senso di così), o altra parola pleonastica (per
es., con e: in Dante, Inf. XXX, 115: s’io dissi
falso, e tu falsasti il conio; o in Boccaccio,
Decameron VIII, 9: E finita la canzone, e ’l
maestro disse ...).
28
 Die
klitischen Pronomina können nicht am
Satz- oder Versanfang stehen, ebensowenig
nach den Konjunktionen e und ma (ToblerMussafia-Gesetz):
e
dissegli (= it. e gli disse)
 Im
Florentinischen des 13. Jahrhunderts
geht das Akkusativobjekt noch häuig dem
Dativobjekt voran:
 lo
mi (= it. me lo)
29

(1) Die Form abbo (mit der Variante abo)
stammt aus dem Dialekt von Siena. Sie ist
normal bei Cecco Angiolieri (z.B. „tant abbo
di Becchina novellato“), während Dante sie
zur Aufrechterhaltung des Reims einsetzt:
gabbo - abbo - babbo. Im Sienesischen
diente abbo in der ersten Person Singular
auch zur Bildung des Futurs: dirabbo (it.
dirò), farabbo (it. farò), metterabbo (it.
metterò) etc. (vgl. Rohlfs II, § 587). Die
Variante aggio (< lat. HABEO) ist auch in
süditalienischen Mundarten anzutreffen.
30



(3) Die Konditionalform avrebbeno geht aus einer
Kontamination von avrebbero mit und der
Präsensendung -eno der Verben der eKonjugation hervor, die in einigen toskanischen
Dialekten existierte, z.B. in Lucca (vgl. Rohlfs II,
§ 532). Sie konkurrierte mit avriano.
(4) Die Imperfektform avavate ist offensichtlich
unter dem Einfluss der a-Konjugation entstanden
(amavate, cantavate etc.).
(5) Die Passato-remoto-Form ebbeno stellt
wiederum eine Kreuzung aus ebbero (< lat.
HABUERUNT) und der regional verbreiteten
Präsensendung -eno der e-Konjugation dar.
31
 (2)
Die erste Person Plural HABEMUS hat sich
zunächst regulär zu avemo weiterentwickelt
und wurde dann durch die Konjunktivform
abbiamo (< HABEAMUS) verdrängt (vgl. Rohlfs
II, § 541 und Manni 1994, 327-331).
32
 abbo
= ho (Dante, Div. Comm., Inf. XXXII, 5)







io premerei di mio concetto il suco
piú pienamente; ma perch’io non l’abbo,
non sanza tema a dicer mi conduco;
ché non è impresa da pigliare a gabbo
discriver fondo a tutto l’universo,
né da lingua che chiami mamma o babbo
33
 aggio
= ho (Petrarca, Canz. XCVI)

 Io



son de l’aspettar omai sì vinto
e de la lunga guerra de‘ sospiri,
ch‘ i‘ aggio in odio la speme e i desiri
ed ogni laccio ond’è ‘l mio core avinto.
34

avemo = abbiamo (Dante, Div. Comm., Purg.
IV, 86; Par. III, 72)




Ma se a te piace, volontier saprei
quanto avemo ad andar; ché ‘l poggio sale
più che salir non posson li occhi miei.




Frate, la nostra volontà quieta
virtù di carità, che fa volerne
sol quel ch’avemo, e d’altro non ci asseta.
35
 avrebbeno
= avrebbero (Boccaccio, Dec.,
Giorn. VII, Nov. 7, 46)

 ...
per la qual cosa, come che poi piú volte con
Anichino e egli e la donna ridesser di questo
fatto, Anichino e la ebbero assai agio di
quello per avventura avuto non avrebbeno a
far di quello che loro era diletto e piacere ...
36
 avrian(o)
= avrebbero (Petrarca, Canz.
CCCXLVIII)

... da le man, da le braccia che conquiso
 senza moversi avrian quai più rebelli
 fur d’Amor mai, da‘ più bei piedi snelli,
 da la persona fatta in paradiso ...

37
 èbben(o)
= ebbero (Petrarca, Canz. CXX)





Quelle pietose rime in ch’io m’accorsi
di vostro ingegno e del cortese affetto,
èbben tanto vigor nel mio conspetto
che ratto a questa penna la man porsi,...
38
 (1)
Die alttoskanische Variante enno ‘sie sind‘
stellt eine Analogiebildung nach dem Vorbild
der dritten Person Plural von dare, fare,
sapere (danno, fanno, sanno) etc. dar und ist
von der dritten Person Singular è abgeleitet.
 Diese Form hat sich bis in die jüngste Zeit in
toskanischen Dialekten erhalten: ènno iti (=
it. sono andati), ènno tornati (= it. sono
tornati) (vgl. Rohlfs II, § 540).
39
 (2)
Aus dem Infinitiv essere hat sich das
regelmäßige Partizip essuto mit der
aphäretischen Variante suto nach dem
Vorbild der it. e-Konjugation entwickelt
(Rohlfs II, § 622).
 (3) Die Paragoge èe statt è wurde in der
Regel durch das Reimschema erzwungen.
40


(4) Das Futur von essere besaß einige
zusätzliche Formen, die aus dem
Sprachgebrauch verschwunden sind: fia, fie
(it. sarà), fiano, fieno (it. saranno).
Es handelt sich um Reliktformen des
Indikativ und Konjunktiv von lat. FIERI
‘werden’, ‘gemacht werden’, ‘geschehen’ (vgl.
Kap. 4.6.5.n, Tab. 87), der Passivform von
FACERE ‘machen’ (vgl. auch Rohlfs II, § 592).
41
 (5)
Im Konditional verwendete das
Altflorentinische in der ersten und dritten
Person Singular die Formen fora und saria (it.
sarei; it. sarebbe).
 Die Variante fora (vgl. Rohlfs II, § 602) geht
auf das lat. Plusquamperfekt zurück.
 Das Konditional auf -ia (saria, averia, voria
etc.) ist seit dem Beginn der toskanischen
Literatur belegt, aber seltener gegenüber
den Formen auf -ei, -esti, -ebbe etc. (vgl.
Rohlfs II, § 594).
42
 enno
= sono (Dante, Div. Comm., Inf. V, 38)
 Intesi
ch’a così fatto tormento
 enno dannati i peccator carnali,
 che la ragion sommettono al talento
43
 suto,
-a = stato, -a (Boccaccio, Dec., Giorn.
II, Nov. 6, 55)
 Quello
che tu offeri di voler fare sempre il
disiderai, e se io avessi creduto che
conceduto mi dovesse esser suto ...
44
 suto,
-a = stato, -a (Boccaccio, Dec., Giorn.
II, Nov. 6, 55)
 Quello
che tu offeri di voler fare sempre il
disiderai, e se io avessi creduto che
conceduto mi dovesse esser suto ...
45










èe = è (Dante, Div. Comm., Inf. XXIV, 90;
Purg. XXXII, 10)
né tante pestilenzie né sí ree
mostrò già mai con tutta l’Etiopia
né con ciò che di sopra al Mar Rosso èe.
quando per forza mi fu volto il viso
ver la sinistra mia da quelle dee,
perch’io udi‘ da loro un „Troppo fiso!“;
e la disposizion ch’a veder èe
ne li occhi pur testé dal sol percossi,
sanza la vista alquanto esser mi fée.
46
 fia
= sarà (Dante, Div. Comm., Inf. I, 122; V,
135)

A
le qua ‘ poi se tu vorrai salire,
 anima fia a ciò piú di me degna:
 con lei ti lascerò nel mio partire;
 Quando leggemmo il disiato riso
 esser baciato da cotanto amante,
 questi, che mai da me non fia diviso,
 la bocca mi baciò tutto tremante.
47










fieno = saranno (Dante, Div. Comm., Purg.
XIII, 133)
„Li occhi“ diss’io „mi fieno ancor qui tolti,
ma picciol tempo, ché poca è l’offesa
fatta per esser con invidia volti. [...]“
Troppo sarebbe larga la bigoncia
che ricevesse il sangue ferrarese,
e stanco chi ‘l pesasse a oncia a oncia,
che donerà questo prete cortese
per mostrarsi di parte; e cotai doni
conformi fieno al viver del paese.
48
 fora
= sarebbe (Petrarca, Canz. CCCLXVI)
 ...
e per saperlo pur quel che n’avenne
 fora avenuto, ch’ogni altra sua voglia
 era a me morte, ed a lei fama rea.
49
 saria
= sarebbe (Boccaccio, Dec., Giorn. X,
Nov.7, 21)

 Forse
che non gli saria spiacenza se el
sapesse quanta pena i‘ sento, s’a me dato
ardimento avesse in fargli mio stato sapere.
50


(1) Die dritte Person Singular Präsens puote
leitet sich von lat. POTEST ‘er kann’ her.
Sie alternierte in mittelalterlichen Texten
mit der heute üblichen apokopierten Form
può.
51
 (2)
Die Form ponno der dritten Person Plural
Präsens stellt eine Analogiebildung zum
Singular sowie zu Flexionsformen anderer
Verben dar, wie z.B. danno, fanno oder
stanno.
 Sie alternierte im Mittelalter mit der
diphthongierten Variante puonno.
 Sie stellt eine Ableitung von der
apokopierten Singularform può + -nno dar.
 Durch Monophthongierung von puonno ist die
Form ponno entstanden (vgl. hierzu auch
Rohlfs II, § 547).
52
 (3)
Die Konditionalform poria in der ersten
Person Singular stellt eine Variante von
potria dar.
 (4) Formal identisch mit der ersten Person
ist die dritte Person.
 (5) Die Imperfektform potieno stellt eine
Variante von potevano dar. Im vorliegenden
Fall haben wir die Nachstellung des
unbetonten Pronomens mi aufgrund des
Tobler-Mussafia-Gesetzes.
53
 puote
= può (Petrarca, Canz. LXV)
 Non
prego già, né puote aver più loco
 che mesuratamente il mio cor arda;
 ma che sua parte abbi costei del foco.
54
 ponno
= possono (Petrarca, Canz. CCCLX)
 Poi
che suo fui, non ebbi ora tranquilla,
 né spero aver, e le mie notti il sonno
 sbandirò, e più non ponno...
55
 poria
= potrei (Petrarca, Canz. LXXIII)
 I‘
non poria già mai
 imaginar, non che narrar, gli effetti
 che nel mio cor gli occhi soavi fanno;
 tutti gli altri diletti...
56
 poria
= potrebbe (Petrarca, Canz. CXCIII)
 ché
quella voce infin al ciel gradita
 suona in parole sì leggiadre e care,
 che pensar no ‘l poria chi non l’à udita.
57
Mittelalter bis Renaissance
58




Der Dichter und Philosoph Dante Alighieri wurde
1265 in Florenz geboren und verstarb 1321 in
Ravenna.
Er bediente sich sowohl des Lateinischen als auch
seiner Florentiner Muttersprache.
In letzterer verfasste er die Vita nuova (1294),
das Convivio (1304-07) sowie sein Hauptwerk, die
Divina Commedia (1306-1321).
In der Gelehrtensprache Latein schrieb er sein
unvollendet gebliebenes sprachphilosophisches
Werk De vulgari eloquentia (1303-04) sowie den
staatsphilosophischen Traktat De Monarchia (ca.
1313-18).
59




Seinen literarischen Ruhm verdankt Dante
jedoch ausschließlich der Divina Commedia,
deren Rezeption unmittelbar nach dem Tode des
Dichters einsetzte.
Bereits sein Sohn, Jacopo Alighieri, schrieb
Zusammenfassungen und Kommentare zum
literarischen Hauptwerk des Vaters.
Einer der prominentesten Dante-Exegeten des
14. Jahrhunderts war wohl Giovanni Boccaccio,
der einen Trattatello in laude di Dante verfasst
hatte.
In zahlreichen italienischen Städten gab es
öffentliche Lesungen über Dante.
60



Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurden erste
Übersetzungen der Commedia ins Lateinische
angefertigt, die als philosophisches und
theologisches Werk hochgeschätzt war.
Die ersten Dante-Kommentare erschienen
ausschließlich in lateinischer Sprache, bis gegen
1330 der Bologneser Jacopo della Lana den
ersten vollständigen Kommentar in der
Volkssprache verfasste.
Francesco da Buti schrieb um 1385 eine
lexikalisch-grammatisch-rhetorische
Interpretation der Divina Commedia unter
Vernachlässigung des Inhalts.
61
 Während
des lateinisch dominierten
Humanismus im 15. Jahrhundert blieb Dante
zwar in hohem Ansehen, doch vielen
Gelehrten gefiel die Volkssprache nicht, die
sich überdies in der Zwischenzeit stark
gewandelt hatte.
 Prominente Fürsprecher hatte Dante jedoch
in dem Humanisten Leonardo Bruni (13701444) und vor allem in Cristoforo Landino
(1424-1498) mit seinem Comento sopra la
Comedia (1481).
62
 Pietro
Bembo (1470-1547), der im 16.
Jahrhundert die Sprache der großen
Trecentisten zum Modell erhoben hatte, gab
1502 zusammen mit dem Typographen Aldo
Manuzio (1450-1515) in Venedig eine wichtige
Dante-Ausgabe heraus, doch aus seinem
ästhetischen Musterkanon wurden Dantes
Sprache und Stil ausgeschlossen.
63
 Die
schriftliche und mündliche Verbreitung
des Werkes
64
 Bis
1470
65
66
67
68
http://www.danteonline.it/italiano/codici_frames/codici.asp?idcod=2
Manuskript (15. Jh.)
Transkription
Codice 204 (Strozzi 152) Firenze - Biblioteca Medicea Laurenziana Carta: 1 Recto, Colonna 1 [Cantica: I Canto: I
72]
Visualizzazione attuale: trascrizione con notazioni filologiche
69
Versi 1-
Codice 231 (Fondo Nazionale II.I. 36) Firenze - Biblioteca Nazionale Centrale
Carta: 4 Recto, Colonna 1 [Cantica: I Canto: I Versi 1-66]
Manuskript
(15.
Jh.) con notazioni filologiche
Transkription
Visualizzazione
attuale:
trascrizione
70
Codice 204 (Strozzi 152) Firenze Biblioteca Medicea Laurenziana Carta
Codice 231 (Fondo Nazionale II.I. 36)
Firenze - Biblioteca Nazionale Centrale
71
Kopie von G. Boccaccio
Ausschnitt aus einer Illustration
aus dem MS
72 17)/ XIV
Firenze / Biblioteca Riccardiana / Riccardiano / 1035 / (O. II.
Öffentliche Dante-Lesungen seit dem
späten 14. Jh.
73
Das Volgare in Siena
74

Das Sienesische
75
 San
Bernardino da Siena
(1380 -1444 )



Studium der Grammatik,
Rhetorik und Jurisprudenz in
Siena
1402: Eintritt in den
Franziskanerorden
Seit 1417: erfolgreiche
Predigten in zahlreichen
Städten Oberitaliens (die erste
Etappe war Genua)
76
 S.

Bernardino da Siena
Er gilt in der Geschichte
der Predigt gilt als einer
der erfolgreichsten
Vertreter der
volksgemäßen
Beredsamkeit.
77



Auf Bitten der Stadtregierung
von Siena hielt Bernardino ab
dem 15. August jeweils bei
Tagesanbruch insegesamt 45
Predigten
Da die Kirchen zu klein für die
Menschenmassen waren,
wurden die Predigten auf der
Piazza del Campo abgehalten
Rechts standen die Frauen,
links die Männer
78
 Dilettissimi
cittadini miei, le preallegate
parole so' di David profeta a 90 salmi, in
volgare dicendo: - Idio ha comandato agli
angeli suoi, che guardino te in tutte le
tue vie. - Doh! elli mi pareva nella notte
precedente vedere quasi in sulla aurora
quello che è scritto nell'Apocalisse al
settimo capitolo, dove dice così: Vidi
quatuor angelos stantes super quatuor
angulos terrae, tenentes quatuor ventos
terrae, ne flarent super terram, neque
super mare, neque in ullam arborem.
79
S. Bernardino bei der
Predigt
80

Dico che elli mi parve vedere Siena, la quale
aveva quatro porti in quatro parti. E
parevami vedere la gloriosa Vergine Maria
madre di Jesu Cristo, la quale gli stava
dinanzi, e pregava il suo Figliuolo con umili
prieghi, e diceva: - o Figliuolo mio, io ti
domando questa grazia, la quale voglio che
tu me la conceda: io voglio che tu guardi la
città di Siena, la quale mi tiene per
advocata, da ogni pericolo e da ogni
adversità. […]
81
 […]
E se noi voliamo considerare e
comprèndare come questo sia vero,
vediamo prima quattro notabili, belli,
utili e gentili inverso coloro che hanno
alcuna gentile intelligenzia. E parlaremo
contro coloro i quali credono nel
destinato delle costellazioni; ché sònno
assai che dicono e credono e tengono una
grande eresia, dove stamane
cognosciaranno la verità, e l'errore dove
so' stati. […]
82
 Dilettissimi,
le parole proposte so' di
David profeta, in volgare dicendo così: Elli convertì i cuori loro, cioè de' pagani,
che odiassero el popolo suo, e che
facessero inganni e tradimenti a' servi
suoi. - Doh, non è elli un orrore a pensare
che Idio facci fare uno male o una cosa
che in sé è peccato?
83
 Non
è elli uno stupore a considerarlo?
Mai sì. Oh! elli il parla la Scrittura
antiveduta per David profeta. E ha una
condizione la Scrittura, che ella ha di
molti sentimenti; ma a pensare nella
scorza di fuore, elli è uno stupore. Ma se
tu vai considerando più altamente, tu
vedrai esser vero che i pulcini e 'l nido
re la chioccia so' tutti atti a farci
afràgnare coi giudìci di Dio. […]
84
Scarica

Einführung in das Altitalienische - Dant-Rezeption