Manfred Jurgovsky. Jena Sozioinformatik. Ein Vorschlag zur Neupositionierung der Informatik in der Sozialen Arbeit Die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien ist in vielen Bereichen der Sozialen Arbeit inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Dies zeigt sich nicht nur in der breiten Nutzung digitaler Dokumentationssysteme in der Verwaltung (Casemanagementsysteme, Daten- und Dokumentenmanagementsysteme, Klientendatenverwaltungssysteme, HeimInformationssysteme und andere Anwendungen), sondern auch in der Nutzung von digitalen Informations- und Kommunikationssystemen in Kernfeldern der Sozialen Arbeit wie etwa in der Beratung. So gehört es weiterhin zum Selbstverständnis der Sozialen Arbeit, über eine eigene angewandte Informatik, eine “Sozialinformatik” zu verfügen, die ebenso wie die Bioinformatik, Geoinformatik, Medieninformatik, Medizininformatik oder Wirtschaftsinformatik eine berufs- und branchenspezifische Nutzung der Informations- und Kommunikationstechnologien erschließen soll. Bei der Bestimmung der spezifischen Aufgaben dieser Sozialinformatik (vgl. Wendt, 2000) geht es vorwiegend um die Anwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien: etwa um die allgemeine Einrichtung der EDV, um die Analyse und Auswahl von Anwenderprogrammen für die Soziale Arbeit, um die Einarbeitung der Nutzerinnen und Nutzer, um die Abschätzung der Auswirkungen für die Soziale Arbeit und ihr Klientel und andere Fragen, die sich aus der Nutzung von Anwendungen ergeben. Der Akzent der Sozialinformatik liegt auf der Anwendung, aber nicht auf der eigenen Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien. Sofern es um die Entwicklung neuer Projekte, Produkte oder Programme geht, beschränkt sie sich darauf, die spezifischen Anforderungen an die Informations- oder Kommunikationstechnologien zu formulieren, die dann im konventionellen Bereich der Informatik realisiert werden sollen (vgl. Wendt, 2000, S.31). In diesem Sinne ist Sozialinformatik streng genommen keine neue angewandte Informatik, sondern nur eine Art Arbeitsteilung: auf der einen Seite steht die Soziale Arbeit, die ihre Anforderungen an die Informations- oder Kommunikationstechnologien formuliert; auf der anderen Seite eine Informatik, die die entsprechenden Anwendungen programmiert. So bezeichnet Sozialinformatik keine neue Disziplin, sondern beschreibt nur die Kooperation zwischen zwei traditionellen Disziplinen, deren Aufgabenbereiche im Kern unberührt bleiben. Die Aufgabe eines “Sozialinformatikers” oder einer “Sozialinformatikerin” besteht in der Vermittlung zwischen diesen beiden Bereichen, aber nicht in dem, was man von einem Informatiker normalerweise erwartet: nämlich im “Programmieren”. Es soll nun nicht mehr danach gefragt werden, wie innovative Projekte ohne eine eigene Perspektive darauf, was Programmieren alles bedeuten kann, überhaupt angeschoben werden sollen und wie man sich eine solche Perspektive ohne eigene Erkenntnisse und Erfahrungen aneignen kann (vgl. Jurgovsky, 2002 ). Es soll auch nicht mehr danach gefragt werden, wozu es einer eigenen Sozialinformatik bedarf, wenn es nur um das gehen soll, was ein professionelles Softwareunternehmen von sich aus anbietet, nämlich um die Erhebung der spezifischen Anforderungen vor Ort sowie um die Einrichtung, Einführung, Betreuung und Evaluierung ihres Produkts vor Ort. Es soll vielmehr danach gefragt werden, warum sich eine Profession, die sich in ihrer Geschichte auf so viele andere Methoden zu beziehen gelernt hat (vgl. Galuske, 2002), ausgerechnet dort so bedeckt hält, wo sich eine Methode entwickelt, die neue Formen der Information und Kommunikation erschließt. Betrachtet man das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Informatik, so spricht auf den ersten Blick auch mehr für eine distanzierte Arbeitsteilung als für eine aufwändige Aneignung eigener Kenntnisse und Kompetenzen in der Informatik. Der Anspruch, den vielen verschiedenen Anforderungen der Praxis durch eigene Aktivitäten gerecht werden zu können, erscheint angesichts der Komplexität dieser Anforderungen vermessen - und der stetige Wandel, diesen Anforderungen durch immer andere Technologien zu begegnen, lässt diese Anstrengungen besonders hilflos erscheinen. Die Wahrscheinlichkeit, etwas zu konstruieren, was es in der einen oder anderen Art heute schon gibt, ist ebenso groß wie die Wahrscheinlichkeit, dass es, sollte es wirklich neu gewesen sein, spätestens morgen überholt sein wird. Selbst, wenn es möglich wäre, eine eigenständige Verknüpfung von Sozialer Arbeit und Informatik zu erreichen, erschließt sich zunächst nicht der Reiz einer Verbindung von zwei Disziplinen, die so ganz und gar nichts miteinander gemeinsam zu haben scheinen. Auch wenn man bereit ist, Programmieren als einen sozialen Akt zu begreifen - sofern er Menschen in ihren Aktivitäten miteinander verknüpft und diesen Aktivitäten eine spezifische Struktur verleiht , so verbleiben doch deutliche Unterschiede zwischen einem sozialen und einem technischen Akt der Sprache und des Sprechens: der eine bezieht sich auf Maschinen, der andere auf Menschen, der eine bezieht sich auf eine formale systematische Sprache mit dem Ziel, eindeutige Anweisungen für eine Ausführung zu beschreiben, der andere bezieht sich auf einen Prozess, der seine spezifische Bedeutung eher als ein offener Prozess erhält. Die geringe Aussicht, es durch eigene Anstrengungen zu ernsthaften Projekten in der Informatik zu bringen, steht in keinem Verhältnis zur weit größeren Aussicht, bei dieser Anstrengung das ursprüngliche Anliegen der Sozialen Arbeit aus den Augen zu verlieren. Vielmehr erscheint es gerade notwendig, auch den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien gegenüber auf kritischer Distanz zu bleiben, besonders wenn sie sich, wie man es etwa den digitalen Dokumenten-Management-Systemen so offen ansieht, weniger an den Interessen der Menschen orientieren als vielmehr an den Institutionen, die sie verwalten. Ist es hier nicht wichtiger, die neuen Techniken auch als neue Technologien der Macht und sozialen Kontrolle zu begreifen und in kritischer Distanz zu einer Wissensgesellschaft zu bleiben, die sich auch als Welt der Verdinglichung erweist? Betrachtet man das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Informatik allerdings anhand der Begriffe, an denen sich ihre sozialen und politischen Ansprüche orientieren, ergibt sich nicht mehr der Eindruck, es handle sich um zwei verschiedene, sondern vielmehr um zwei sehr verwandte Welten. Information, Interaktion/Interaktivität, Kommunikation, Netzwerk, Partizipation, all dies sind Begriffe, mit denen in beiden Bereichen soziale und politische Forderungen verknüpft sind, vor allem die Forderung nach Aufhebung gesellschaftlicher Ausgrenzung. Der immer wieder bemühte Begriff der “Wissensgesellschaft” bedenkt die Informatik mit dem Anspruch, durch neue Formen der Information und Kommunikation auch neue Formen der Auseinandersetzung mit dieser Ausgrenzung zu erschließen. Auch wenn die Funktion des Wissens dabei oft überschätzt wird, so ist dies eher etwas, was die Informatik mit der Sozialen Arbeit verbindet, und nicht, was sie von ihr trennt. Ist also nicht die Verschiedenheit das Problem, sondern eher eine Verwandtschaft, in der Soziale Arbeit und Informatik hinsichtlich ihrer Ansprüche miteinander korrespondieren, hinsichtlich ihrer Versuche einer Verwirklichung aber konkurrieren. Und was würde aus dieser Verwandtschaft eine Wahlverwandtschaft machen, das heißt eine Verwandtschaft, die diese Verwirklichung grenzgängig findet. Nachfolgend soll der Versuch unternommen werden, Informatik als soziale Aktivität zu beschreiben, also als eine Aktivität, die Menschen miteinander in Beziehung setzt und dieser Beziehung eine spezifische Struktur verleiht. Es soll nach den spezifischen Dimensionen oder Ebenen einer solchen Aktivität gefragt werden, die zunächst als Ebene der Konstruktion, als Ebene der Konfrontation und als Ebene der Produktion beschrieben werden. Die “Sozioinformatik” soll als Disziplin verstanden werden, die diese Ebenen über eine eigene Art der Sprache und des Sprechens, eben des Programmierens, in eine dynamische Beziehung zueinander setzt. In dieser Hinsicht ist die “Sozioinformatik” der konventionellen “Sozialinformatik” entgegengesetzt, sofern sie nicht versucht, diese Art der Sprache und des Sprechens als äußere Dienstleistung zu verhandeln, sondern als spezifische Dimensionen eines eigenen sozialen Denkens und Handelns versteht. Ebene der Konstruktion Informations- und Kommunikationssysteme erhalten auch in der Sozialen Arbeit ihre Bedeutung vor allem dadurch, dass sie eine funktionale und flexible Bearbeitung von Daten und Dokumenten ermöglichen. Dies gilt nicht nur für die Bearbeitung von Daten und Dokumenten in der Verwaltung, sondern auch in den klassischen Bereichen der Sozialen Arbeit wie der Beratung, indem Daten oder Dokumente für ein spezifisches Klientel bereitgestellt werden oder diesem Klientel selbst die Möglichkeit eines Austauschs von Informationen und Inhalten angeboten wird. Diese Informations- und Kommunikationssysteme basieren meist auf Datenbanken, die eine dezentrale Verarbeitung oder Veröffentlichung von Daten und Dokumenten erlauben: sie ermöglichen einen dezentralen, d.h. einen ortsunabhängigen und zeitungebundenen Austausch von Inhalten, vor allem aber auch eine dezentrale Aktualisierung. Diese Art des dezentralen Austauschs wird gewöhnlich schon als spezifisch neue Dimension der Informations- und Kommunikationstechnologien angesprochen. Streng genommen handelt es sich aber noch nicht um eine innovative, sondern immer noch um eine konventionelle Struktur des Verarbeitens und Veröffentlichens von Wissen, sofern die Daten und Dokumente immer noch an einem Ort vorgehalten und auch nur über diesen einen Ort verfügbar sind. Im Grunde genommen entspricht dieses System dem konventionellen System eines Archivs, einer Bibliothek oder eines anderen klassischen Orts der Dokumentation: die Inhalte werden zwar dezentral gepflegt und dezentral genutzt, sie werden aber zentral gespeichert. Die Inhalte verbleiben an einem Ort und werden an diesem Ort nach einem lokalen System und nach einer lokalen Struktur erschlossen. Es handelt es sich nicht wirklich um ein "interaktives" System, weil sie sich nicht in ein Verhältnis zu anderen System setzen lassen, jedenfalls nicht, wenn das andere System eine andere Struktur hat. Kooperationen zwischen verschiedenen Institutionen, Initiativen und einzelnen Personen - oder wenn man so will: zwischen verschiedenen Systemen - werden aber auch und vor allem in sozialen, politischen und kulturellen Kontexten immer wichtiger. Und es ist eben die konventionelle zentrale Verortung von Inhalten und Informationen, in der eine solche Kooperation zwangsläufig an ihre Grenzen stößt. Um Informationen und Inhalte im Rahmen von kooperativen Projekten verfügbar zu machen, werden sie meist immer noch an einem eigens dafür geschaffenen Ort gespeichert mit der Folge, dass sie nun an zwei Orten gepflegt werden müssen, und dem Ergebnis, dass ein zusätzlicher Aufwand für die Aktualisierung getrieben werden muss. Aus der Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer kommt hinzu, dass sich ihre Recherche immer noch an einem konventionellen Modell der Rezeption orientieren muss. Der Zugang zu Inhalten und Informationen über einen Zettelkasten unterscheidet sich vom Zugang über eine sogenannte Suchmaschine nur graduell: die Inter- aktivität erschöpft sich darin, sich verstreute Inhalte und Informationen zusammenklicken zu müssen, ohne sie in einem bedarfsorientierten und benutzerdefinierten Kontext generieren zu können. Eine wesentliche Dimension der Sozioinformatik besteht hier darin, die Mitglieder der Wissensgesellschaft nicht nur als rezipierende, sondern als produzierende und konstruierende Menschen zu verstehen und Strukturen eines Austauschs vermitteln zu können, in dem sie nicht nur als passive, sondern als aktive Subjekte eines Wissens anerkannt werden. Und zu dieser Anerkennung gehört, dieses Wissen nicht mehr über die traditionellen Agenturen des Wissens vermitteln zu müssen, sondern auch eigene Strukturen und Systeme entwickeln zu können. Sofern es also um den Aufbau und Ausbau solcher eigenen Strukturen und Systeme des Wissens geht, soll hier von Konstruktion als wesentliche Dimension der Sozioinformatik die Rede sein. Ebene der Konfrontation Der Begriff “Wissensgesellschaft” ist meist mit der Vorstellung verbunden, durch Wissen oder Vernetzung von Wissen eine Veränderung bewirken zu können. Worauf auch immer sich dieser Wunsch bezieht, auf die Veränderung einer besonderen individuellen oder einer allgemeinen sozialen, politischen, kulturellen oder wirtschaftlichen Lage, orientierend ist offensichtlich eine Vorstellung, die sicher älter ist als die sogenannte Wissensgesellschaft, nämlich die Vorstellung, dass sich aus Wissen - oder vielmehr aus dem Verstehen auch eine Veränderung ergibt. “Wissen ist Macht” - es gibt wohl keine Formel, in der sich dieses Vertrauen in einer so eingängigen Formel verdichtet, aber auch keine Formel, die in der Wirklichkeit auf so viele Widersprüche trifft, nicht nur in der eigenen Erfahrung, sondern ganz nebenbei auch in der Erkenntnis, dass die traditionellen Agenturen dieses Wissens, die Orte der Bildung, Forschung, Dokumentation oder Publikation vielleicht als Orte eines besonderen Wissens auffallen, aber ganz sicher nicht als Orte der Macht. Dasselbe gilt auch für die technisch vermittelten Agenturen des Wissens: die Wiederbelebung der Formel von Wissen und Macht überzeugt auch nicht im Kontext der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien: die virtuellen Strukturen der Produktion und Rezeption von Wissen offenbaren nur doch deutlicher den Abstand zur Wirklichkeit und das Problem einer handlungsorientierten Verortung von Wissen. Sofern mit der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien nicht nur Erkenntnisinteressen, sondern auch Handlungsinteressen verbunden sind, stellt sich die Frage nach den Möglichkeiten, sie auch wirklich zur Durchsetzung solcher Handlungsinteressen nutzen zu können - sowie die Frage nach dem Ausschluss von dieser Möglichkeit. Der Ausschluss äußert sich zunächst schlicht und einfach in der Vorenthaltung der technischen Voraussetzungen. Dies gilt nicht nur für Entwicklungsund Schwellenländer, sondern auch für moderne Industriegesellschaften, sofern gerade Gruppen mit spezifisch sozialen Ansprüchen nicht über die notwendigen technischen Infrastrukturen verfügen (Obdachlose, Gefangene, arme Menschen oder Menschen, die aufgrund spezifischer Bedürfnisse oder Behinderungen Technologien benötigen, aber nicht bezahlen können). Deutlicher aber als in den Entwicklungs- und Schwellenländern zeigt sich in modernen Industrieländern, dass es nicht nur repressive, sondern auch produktive Formen eines solchen Ausschlusses gibt. Die Ausgrenzung vollzieht sich nicht nur über die Vorenthaltung, sondern mehr und mehr über die spezifische Form der Verarbeitung und Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien: also darüber, dass sie nicht multilingual, barrierefrei oder behindertengerecht gestaltet sind. Die Ansicht, das Problem bestünde in einer Wissenskluft, entspringt einer eher überholten Angstbedingung: in modernen Wissensgesellschaften besteht das Problem immer weniger in der Vorenthaltung von Wissen, sondern vielmehr in der Einschließung in ein Wissen, das sich zunehmend über Maschinen vermittelt, und zwar über Maschinen, die nicht nur das Wissen, sondern auch die Verständigung der Menschen strukturieren. Macht und soziale Kontrolle artikulieren sich also nicht mehr in der Nicht-Nutzung, sondern in der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien: etwa in der Art, Daten und Dokumente nach spezifischen Erkenntnis- oder Handlungsinteressen zu systematisieren, und der Weise, wie ein solches System (etwa ein klientenbezogenes Daten- oder Dokumenten-Management-System) dann das Denken und Handeln der Menschen strukturiert. Die Formel “Wissen ist Macht” findet hier eine ganz und gar eindeutige Auflösung: in der Fähigkeit, solche Erkenntnis- oder Handlungsinteressen bedienen und sich dadurch eine Stellung im System sichern zu können. Die Forderung der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien bleibt aber ohne das Aushandeln von Erkenntnis- und Handlungsinteressen autoritär und abstrakt: die allgemeine Beruhigung, dass immer mehr Menschen Anschluss an Informations- und Kommunikationstechnologien finden, erscheint ohne Bezug zu deren spezifischen Anliegen eher als Identifikation mit einem Aggressor, also mit einer Anforderung, die sich von außen stellt, die aber nicht wirklich einem eigenen Anliegen entspricht. Es stellt sich hier nicht nur die Aufgabe, konkurrierende Ansprüche miteinander zu vermitteln, sondern auch Ansprüche zum Gegenstand der Informatik zu machen, wenn oder gerade weil sie sich einer solchen Vermittlung nicht fügen. In diesem Sinne soll die Sozioinformatik auf der Ebene der Konfrontation nicht nur auf die Vermittlung verschiedener Erkenntnis- oder Handlungsinteressen bezogen werden, sondern auf die Anerkennung von Geltungsansprüchen, mit denen konkurrierende Erkenntnis- oder Handlungsinteressen konfrontiert werden müssen. Ebene der Produktion Wie immer man auch über die Notwendigkeit einer Integration der Informatik in die Soziale Arbeit denken mag, im Alltag hat sich diese schon längst vollzogen: die Lebenswelt wird mehr und mehr zu einer digital erschlossenen Lebenswelt, die von programmgesteuerten Technologien beherrscht werden. Die Option, sich diesen Technologien zu entziehen, ist gar nicht mehr gegeben, sondern nur die Option, sie passiv anzuwenden, oder wenn sie den Ansprüchen der Anwender aus welchen Gründen auch immer nicht entsprechen, sie auch aktiv gestalten zu können, sie zu programmieren. Der Wunsch, Technologien gestalten zu können, beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf den Kreis professioneller Techniker, sondern scheint zu einem allgemeinen Anliegen geworden zu sein. Die Digitalisierung von Bild, Text, Ton und Film macht es möglich, dass Dokumente und Daten, die sonst nur im Kontext spezifischer Professionen bearbeitet wurden, nun in privaten Kontexten bearbeitet werden können. Es ist diese Möglichkeit, die dem Programmieren den Status einer allgemeinen Kulturtechnik verschafft: die eigene Möglichkeit, Dokumente und Daten verarbeiten, miteinander verbinden und veröffentlichen zu können. Auf der dritten Ebene der Produktion geht es also nicht nur um Situationen in der Sozialen Arbeit, in denen spezifische Anforderungen an Dokumentation, Evaluation, Information, Kommunikation oder Publikation gestellt werden, aber keine entsprechenden Anwendungen verfügbar sind, sondern auch und vor allem um die Aneignung von Technologie im Sinne einer allgemeinen Kulturtechnologie. Sozioinformatik als soziale Aktivität, als Aktivität, die Menschen miteinander in Beziehung setzt und dieser Beziehung eine spezifische Struktur verleiht, soll als eine Disziplin verstanden werden, die die drei Ebenen der Konstruktion, der Konfrontation und der Produktion in eine dynamische Beziehung zueinander setzt. Dies bedeutet auf der einen Seite, dass sie erst in einer solchen Beziehung eine spezifisch soziale Wirkung entfalten können. So ist die Vermittlung von Wissen, wie sich Web Seiten erstellen lassen, im Rahmen eines Volkshochschulkurses für Senioren und Seniorinnen sicherlich eine wichtige Voraussetzung zur Aufhebung der “digitalen Kluft”, aber ohne Bezug zur Lebenssituation dieser Menschen, etwa zur Frage, wie das Web zur Sicherung einer selbständigen Lebensführung im Alter genutzt werden kann, führt diese Beschäftigung mit den Neuen Medien eben zu jener Isolation, die sie angeblich aufheben wollte - sie erinnert an Beschäftigungstherapie. Erst wenn es gelingt, das Wissen über die Möglichkeiten der Präsentation im Web mit der Frage der Durchsetzung eines spezifischen Geltungsanspruchs zu verbinden - also ein Wissen auf der Ebene der Produktion mit einem Wissen auf der Ebene der Konfrontation in Beziehung zu setzen - ergibt sich ein sozialer oder politischer Effekt, oder wenn man so will, ein Moment der Macht. So wirkt es umgekehrt hilflos, Informations- und Kommunikationstechnologien zur Durchsetzung von Geltungsansprüchen nutzen zu wollen, sie aber nur im Sinne der klassischen Medien anwenden zu können, um der Unzahl der Seiten im Web nur eine weitere Seite hinzuzufügen. Der Versuch, Informations- und Kommunikationstechnologien zur Verbesserung sozialer Verhältnisse nutzen zu wollen, wirkt nicht überzeugend, wenn es keine weiterreichenden eigenen Kenntnisse und Kompetenzen zur Realisierung solcher Konzepte gibt. Die Behauptung, eine solche Realisierung könne nur auf der Seite einer professionellen Informatik erfolgen, unterschlägt, dass die wirklich radikalen Impulse, wie etwa die Peer-to-Peer Vernetzung von (Audio- und Video-)Dokumenten, nicht durch die etablierte Informatik realisiert wurden, sondern durch Jugendliche, die ihre Interessen durch Informatik zu organisieren gelernt haben. Mit welcher Macht eine solche Laieninformatik verbunden sein kann, zeigt sich daran, dass sich selbst große Konzerne davon bedroht sehen und zunehmend gezwungen sind, ihre alten Strategien der Vermarktung anzupassen. Die soziale Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien ist nur dann eine ernstzunehmende Option, wenn man sich auch auf die Ebene der Produktion begeben und sich an der Schaffung neuer Strukturen beteiligen kann, etwa der Schaffung neuer Dienste zur Sicherung der Selbständigkeit im Alter. Die Ebenen der Konstruktion, der Konfrontation und der Produktion in eine dynamische Beziehung zu setzen bedeutet aber nicht nur, sich auf diesen Ebenen bewegen zu können, sondern auch die Grenzen der Ebenen kennen und die Ebenen wechseln zu lernen. Die absurde Weigerung der konventionellen Sozialinformatik, sich selbst auf die Ebene der Produktion zu begeben, hat ein Moment Wahrheit im Verdacht, dass sich das Stricken einer Seite für das Internet nicht wirklich auf die wichtigen Anforderungen eines Gemeinwesens bezieht. Und angesichts der Probleme der Aneignung von technischen Mitteln und Möglichkeiten auf der Ebene der Produktion liegt es auch nahe, auf Abstand zu bleiben, solange es keine Abklärung der zugrundeliegenden Ansprüche, also eine Auseinandersetzung auf der Ebene der Konfrontation gegeben hat. Der Abstand darf aber nicht dazu führen, eine Abhängigkeit zu reproduzieren, wie sich dies im Ruf des konventionellen Sozialinformatikers nach dem großen Bruder, dem angeblich professionellen Informatiker ausdrückt. Der Abstand darf nicht zur Auslagerung führen, sondern muss dem dienen, was oft genug gerade von den professionellen Informatikern verstellt wird, nämlich der Aneignung der Informatik als einer freien Form der Information und Kommunikation. Die Sozioinformatik soll es also ermöglichen, sich der Informations- und Kommunikationstechnologien frei bedienen und sich auf den Ebenen der Konstruktion, der Konfrontation und der Produktion aktiv beteiligen zu können. Dabei ist davon auszugehen, dass Abhängigkeit nicht nur bedeutet, sich auf einer Ebene nicht bewegen zu können, sondern auch, sich nur noch auf einer Ebene bewegen zu wollen. In dieser Perspektive erweisen sich Phänomene wie Sucht, Depression oder Isolation im Internet nicht mehr nur als quantitatives, sondern auch als qualitatives Problem der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien, als Problem der Entmischung der verschiedenen Ebenen. Es ist es vor allem der Versuch, einen sozialen Anspruch nur auf der Ebene der Konstruktion realisieren zu wollen, was in die Isolation führt, während jeder Versuch, diesen Anspruch auch auf einer Ebene der Konfrontation zu verhandeln, dieser Isolation entgegenwirkt. Die abstrakte Feststellung, sich vom Virtuellen lösen zu müssen, ist hier ebenso berechtigt wie blind hinsichtlich den Möglichkeiten, wie sich eine Hinwendung zur Realität auch immanent ergeben kann, und eine solche Möglichkeit, über die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien über diese hinaus zu gelangen, ergibt sich aus der Verschränkung der verschiedenen Ebenen ihres Gebrauchs. Sozioinformatik versteht sich hier als Entfaltung dieser Möglichkeiten, als Methode, durch Aneignung und Ausbalancieren der verschiedenen Ebenen ihres Gebrauchs diese Technologien zu Technologien eines erweiterten Gemeinwesens zu machen. In diesem Sinne geht es um eine Positionierung der Sozioinformatik als neue Methode der Sozialen Arbeit. Literatur Galuske,M., Methoden der Sozialen Arbeit, Weinheim/München 2001 Jurgovsky, M., Was ist Sozialinformatik, in: Neue Praxis 3/2002 , Neuwied 2002 Wendt, W.R., Sozialinformatik - Stand und Perspektiven, Baden-Baden 2000